Veränderungen in Handwerk, Handel und Industrie

Otto Schnell zählt die Angersbacher Betriebe im Jahr 1963 auf:1

Baugewerbe

Neben dem Dachziegelwerk stellten auch die Firmen Friedrich Möller, Johannes Schäfer und Karl Schäfer Betonwaren aller Art her. Die Bauunternehmungen Georg Ruhl und Johann Christian Ruhl blicken auf eine lange Tradition zurück. Ein gemeinsamer Vorfahre gründete 1856 den Betrieb. Ende der 80er Jahre machte sich der zweite Sohn des Gründers selbständig. Seitdem bestehen die beiden Firmen nebeneinander, die heute zusammen rund 450 Angestellte und Arbeiter beschäftigen. Sie sind besonders durch ihre Straßenbauarbeiten weit über die Kreisgrenzen hinaus bekannt. Außerdem betätigen sie sich im Hoch- und Tiefbau. Die Firma Johann Christian Ruhl spezialisierte sich in letzter Zeit auch auf modernen Brückenbau und führt solche Arbeiten bis in den Odenwald hinein aus.

Keine Supermärkte und Wegwerfartikel

Vor dem Internet- oder sogar „Quelle-Katalog“ – Zeitalter mussten die Menschen vor Ort einkaufen. Billige Plastikartikel waren eher selten. Neuanschaffungen – wie in den 50er Jahren Waschmaschinen und Fernseher – waren sehr teuer und wurden gehegt und gepflegt. Die Sachen wurden so lange es ging repariert und nicht einfach weggeschmissen.

Dem entsprechend gab es in Angersbach viel mehr Einkaufsmöglichkeiten, Werkstätten und dergleichen. Supermärkte im heutigen Sinne gab es nicht, man musste jeweils in ein „Spezialgeschäft“ gehen, um sich die nötigen Dinge zu besorgen. Deswegen waren auch Märkte, wie in Lauterbach, und Krämermärkte (Prämienmarkt) so beliebt, weil es dort alles an einem (Markt-) Platz gab. Kaufhäuser wie Karstadt2 gab es nur in größeren Städten.

Maurer, Verputzer, Maler, Schmiede und Spengler

Die Maurermeister Friedrich Möller, Johann Georg Schmidt und Sohn und Karl Stöppler ergänzen das Baugewerbe. Für die Verputz- oder Malerarbeiten sorgen die Firmen Konrad Fuchs, Heinrich Ruhl und Johann Wilhelm und Friedrich Schmidt.

Dem alten Schmiedehandwerk gehen die Meister Heinrich Stein, Georg Wahl und Willy Wahl nach. Spengler und Installateure sind Karl Lippert und Sohn und Heinrich Rodemer. Als Elektroinstallateur mit großem Laden ist die Firma Karl Heinrich Möller und Sohn zu nennen.

Tankstelle, Mopeds, Waschmaschinen und Kohle

Im Industrieviertel am Bahnhof stellt der Fabrikant Fritz Eichenauer Stahlmatratzen her.

Dem wachsenden Verkehr auf der Bundesstraße widmet die Tankstelle Hans Heinrich Fehl ihre Aufmerksamkeit. Wer will, kann sich dort auch ein Fahrrad, ein Moped oder eine Nähmaschine kaufen. Für guten Kundendienst ist gesorgt.

Auch bei Karl Boß kann man solche Einkäufe beruhigt tätigen, der dazu noch Ofen, Herde und Waschmaschinen liefert. Willy Wahl und Rudolf Heinrich Walter besitzen Fachgeschäfte für Eisenwaren, Öfen, Herde, Haus- und Küchengeräte.

Wer bei der Lektüre dieses Buches keine kalten Füße bekommen will, wende sich vertrauensvoll an die Kohlenhandlung Albert Reitzenstein.

Sägewerk, Schreinereien, Möbelbau, Wagner, Küfer

Den Rohstoff Holz macht sich in erster Linie das Sägewerk und Zimmergeschäft Heinrich Walter zunutze.

Aber auch die sechs Schreinereien, Johann Friedrich Adolph, Erich Dietz-Stöppler, der zugleich auch ein Beerdigungsinstitut besitzt, Heinrich Möller und Sohn, Johannes und Georg Rodemer, Karl Stock und Friedrich Georg Wasser, sind auf den Reichtum unserer Wälder angewiesen, wenn sie in ihren Werkstätten auch viele ausländische Holzarten verarbeiten.

Als Wagner oder Küfer sind August Renker Witwe, Friedrich Stock und Johannes Stöppler zu nennen. Eine Möbelhandlung besitzt Heinrich Stock.

Und heutzutage?

Von den hier aufgezählten Betrieben gibt es 60 Jahre nach dem Bericht Otto Schnells kaum noch welche. Textilien werden im Ausland produziert und aufgrund des geringen Preises kaum noch geflickt. Einheimische Bäcker und Metzger haben ihre Läden geschlossen, auch mangels Nachfolger.

Zuletzt schloss Bäcker Doschke 2018 sein Geschäft, Keipp als letzte „alte“ Metzgerei 2023. Heute dominieren Rewe, Aldi, Pappert das Geschehen. An lokalen Schreinereien hat sich die Schreinerei Rodemer behauptet, auch Schmidt Baudekoration existiert noch, sowie die Tankstelle Fehl. Von den Traditionsgaststätten gibt es noch ‚Bej Jerje‘ (vormals Keller) und ‚Hühne‘.

Bekleidung, Haushalt, Wäsche, Friseure

Für die Bekleidung unserer Weiblichkeit sind die Damenschneiderinnen Ilse Fuchs, Gisela Hohmeyer, Elise Keitzer, Gertrud Ruhl, Hildegard Schwarz, Anna Schwing und Barbara Wahl zuständig. In den Dienst ihrer gut angezogenen Kunden stellen sich auch die Schneidermeister Otto Keitzer, August Krämer und Karl Möller. Zwei Textilgeschäfte, Elisabeth Möller und Sohn und Käthe Möller, bieten gute Einkaufsmöglichkeiten.

In der Strickwarenfabrik Josef Klier entstehen die reizenden „Jokli“-Babyartikel. Auch die Maschinenstrickerei Franz Naßwetter darf nicht unerwähnt bleiben.

An Schuhmachern, die zum Teil auch Fabrikware verkaufen, sind Johannes Hansel, Karl Herber, Georg Heuser, Heinrich Stöppler und Wilhelm Konrad Wahl zu nennen. Die Wäscherei Karoline Stock entlastet unsere geplagten Hausfrauen. Für allzeit gepflegtes Aussehen unserer Bevölkerung sorgen die Friseursalons Georg Lohn und Erich Rudolph.

Nahrung, Genuss und Fremdenverkehr

Die Helmesmüller Ernst Hansel und Otto Möller, der Großmüller Karl August Herber und die Schulmüllerin Heinrich Rahn Witwe liefern das Mehl für das tägliche Brot.

Fünf Bäckereien, Konrad Blum, Herbert Doschke, Konrad Kaiser, Josef Rey und Josef Schlosser, beliefern nicht nur das Dorf, sondern auch Orte in der Umgebung mit Backwaren. Die drei Metzgermeister Friedrich Keipp, Georg Möller und Karl Adrian Möller sorgen dafür, daß wir das Brot nicht trocken essen müssen.

Neue Unternehmen

‚Die Zeit eilt weiter‘, schreibt Otto Schnell 1963. Und so wurden neue Unternehmen gegründet, meist keine Einzelunternehmen mehr. In Angersbach gibt es jetzt neben den großen Supermärkten einen Baumarkt, statt der Firma Ruhl als großer Arbeitgeber gibt es jetzt Firmen wie Anlagenbau Günther und G & N.

An Wirtschaften ist Leos Bistro dazugekommen, wir haben eine Eisdiele und einen neuen Friseur.

Kurzum: Es ist nicht unbedingt alles schlechter oder besser geworden – sondern anders.

Insgesamt 10 Lebensmittelgeschäfte in Angersbach – und 7 Wirtschaften

Insgesamt zehn Lebensmittelgeschäfte stehen unseren Hausfrauen zu Diensten: Herbert Doschke, Valentin Feick, Friedrich Keller, die Konsumgenossenschaft, Konrad Ortwein und Sohn, Otto Rodemer, Heinrich Schäfer, Helene Schneider, Friedrich Heinrich Schwarz und Rudolf Heinrich Walter.

Erfrischende Getränke stellen die Obstkeltereien Erika Hühn und Heinrich Möller her. Wer Durst hat, kann ihn auch in einer der sieben Wirtschaften stillen, bei Friedrich Keller, Otto Mendler, Georg Möller, Karl Adrian Möller, Meta Naumann, Friedrich Heinrich Schwarz oder Rudolf Heinrich Walter.

Dem Fremdenverkehr dienen mit Übernachtungsmöglichkeiten das Gästehaus Naumann und die Gastwirte Otto Mendler, Karl Adrian Möller und Rudolf Heinrich Walter, außerdem das „Haus Berlin“ der Elisabeth Rudolph.

Sonstiges

Dem Kunsthandwerk verschrieb sich der Holzbildhauer Gerhard Weidmann. Einem alten Angersbacher Gewerbe geht der Vogelhändler Johannes Möller nach. Soll zum Tanz aufgespielt werden, ist Alfred Fritsch mit seiner Kapelle bereit.

Zwei Geldinstitute, die 1960 eingerichtete Nebenstelle der Kreissparkasse Lauterbach und die Spar- und Darlehnskasse Angersbach, stehen ihren Kunden beratend und helfend zur Seite. Zwei Sattler und Polsterer sind um die Gemütlichkeit in unserem Heim bemüht: Karl Johannes Franz, der auch einen größeren Laden besitzt, und Georg Stock.

Ein weiter Bogen spannt sich vom Schwerbetonstein des Dachziegelwerkes bis zum Saxophon des Musikers Fritsch. Unter ihm sind alle Gewerbezweige in unserem Dorf aufgezählt. Sie zeigen das weite Betätigungsfeld unserer Gewerbetreibenden auf.

  1. Vergangenheit und Gegenwart, S. 143. ↩︎
  2. Das Karstadt-Gebäude am Fuldaer Universitätsplatz wurde am 17. März 1964 eröffnet, siehe Fuldaer Zeitung. ↩︎