Die Angersbacher Kirche

1114 – Kleine Kapelle
Kirchlich gehörte Angersbach in ältester Zeit wohl zu Lauterbach. Doch stand bereits um 1114 bestimmt schon eine kleine Kirche oder Kapelle im Bereich des mit Wall und Graben umgebenen Burghauses der Herren von Angersbach am Standort der jetzigen Kirche. Eine alte Chronik berichtet, dass dann im Jahr 1400 die große Glocke gegossen wurde.1
1498 – der heutige Kirchturm wird gebaut
1498 wurde der heute noch stehende gotische2 Kirchturm erbaut, das Wahrzeichen Angersbachs.3 Die Angersbacher hatten jedoch nicht genug Geld, um den Bau fertigzustellen und besorgten sich dieses auf eine besondere Weise. Der Bittbrief ist noch erhalten, in dem Bürgermeister und Rat der Stadt Lauterbach um Spenden für das seinerzeit dem St. Alban geweihten Gotteshaus bitten:
Bittbrief
“1498 Mai 20. Bürgermeister und Rat der Stadt Lauterbach, teilen den Grafen, Freien Herren, geistlichen und weltlichen, Edeln, Rittern, Knechten, Dienstmannen, Bürgern und gemeinen Leuten mit, daß der Zeiger des Briefes von Pfarrer, Baumeister und Männern des Dorfs Angersbach (Angerspach) ausgeschickt ist, „das heilige almüsen“ zu bitten zu dem Bau der Pfarrkirche.

Sie haben mit Hilfe andächtiger Menschen und ihrer getreuen Arbeit einen Turm in köstlichem Maße aufgerichtet, können ihn aber ohne besondere Hilfe christgläubiger Menschen nicht mit dem Dache vollbringen. Sie und die von Angersbach bitten also alle, um Gottes, seiner lieben Mutter Marien und des Himmelsfürsten sant Alban willen, das Almusen zu unterstützen, und die Priester, daß sie es verkündigen, weil wir alle am letzten nichts anders besitzen, als was wir hier bei Leben in guten Werken gegen Gott, seine liebe Mutter und seine lieben Heiligen vor uns gebracht haben. Wenn sich ein jeder nach seinem Vermögen zum besten beweist, wird es der Allmächtige ohne Zweifel zu den Zeiten und den Stätten, wo wir dessen zum höchsten bedürfen, erkennen”.4
Handbuch Deutsche Kunstdenkmäler
„Ev. Pfarrkirche. Hoher, in zwei Geschoßrücksprüngen leicht gestufter Chorturm von 1498 mit schlankem Spitzhelm und vier verschieferten Ecktürmchen (einziges Beispiel dieser Helmform im Vogelsberg); Altarraum mit Kreuzrippengewölbe auf Konsolen und Wandmalereien um 1500, an den Kappen Evangelistensymbole in feinem Rankenwerk, an der Ostwand Rest eines Jüngsten Gerichts.“
So beginnt im Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler von Georg Dehio die Beschreibung der Angersbacher Dorfkirche.
Ausstrahlung auf das ganze Dorf
Wer sich aufs Lesen beschränkt, wird nicht erleben, welche Kraft von diesem Bauwerk auf das ganze Dorf ausstrahlt. Bevor man, etwa aus dem Wald heraustretend, das große Dorf so recht wahrnimmt, hat schon der Turm den Blick auf sich gezogen. Die schweigende Betrachtung, die man ihm widmet, erhebt mehr als jeder poetische Versuch, Baumeister und Bauherrn für ihr Werk zu preisen.5


Der Turm aus 1498 ist in großen Teilen noch erhalten. Wenigstens noch im unteren Teil mit seinem gotischen Gewölbe und Wandmalereien. Auch ein gotischer Taufstein steht noch dabei, der das Wappen der Riedesel trägt. Vielleicht soll dort das Wappen auch die Erinnerung an eine große Gabe festhalten, die die Brüder zu Bau der Kirche leisteten.
Das Äußere ist natürlich im Laufe der Jahrhunderte mehrmals erneuert worden, insbesondere der hohe Turmhelm und die Seitentürmchen. Aber der Turm ist das Wahrzeichen des Dorfes Angersbach und feierte also im Jahre 1998 sein 500-jähriges Jubiläum.6
Kirchbau 1762/63
Am Drei-Königstag 1762 stürzte ein Teil des Gotteshauses ein. Es muss wohl die Kirche des Jahres 1498 gewesen sein, die somit weit über zweieinhalb Jahrhunderte hier gestanden hat. Es handelt sich um die dem Turm abgewandte Giebelwand, die einfiel und vieles mit sich riss. Ein Neubau war schwierig aufgrund der unruhigen Zeiten des Siebenjährigen Krieges (1756 bis 1763).
Die Angersbacher Einwohner versuchten einen Neubau zu verhindern. Man holte Gutachten ein, dass es doch genüge, allein die Giebelwand wieder aufzurichten. Sie fürchteten die Kosten, die auf sie zukamen, da es noch keine Kirchensteuermittel gab.
Gemeindemitglieder mussten mithelfen


Die Gemeindemitglieder mussten besondere Arbeitsleistungen und Geldabgaben beisteuern.7 Schließlich bat man die Riedesel (siehe rechts), daß man die Kosten aus dem Kirchenkapital nehmen dürfe, das recht beträchtlich war.8 Der Sockel in der Nähe des Haupteingangs der Kirche zeigt noch heute das Datum des Neubaus mit 1763 an. Der Einweihungsgottesdienst nach der Wiederherstellung erfolgte am 17.8.1766.9 Wohlgemerkt: Der Turm aus 1498 stürzte nicht ein.
Schreiben an die v. Riedesel
“Da es nach Anzeige des Kirchenbuches ohnehin gewöhnlich war, dass bei dergleichen Auferbauung die Hälfte von der bürgerlichen Gemeinde und die andere Hälfte von dem Kasten gegeben wird und dieser jetzt vermögend ist, ist solches leicht zu bewerkstelligen, auch der Gemeinde dadurch eine große Hilfe geschieht, unter welchen sich viele finden, die weder Brot noch Geld haben. So getrosten wir uns umso vielmehr einer hochgeneigten Willfahrung…”10
Einen Abschnitt über die Angersbacher Kirchturmglocken findet ihr hier.
Weitere Informationen gibt es auf der Seite der evangelischen Kirchengemeinde Wartenberg-Rudlos.
- Knodt, Geschichtsblätter Lauterbach, 1920, S. 104; Vergangenheit und Gegenwart, S. 118 f. ↩︎
- Die Gotik bezeichnet eine Epoche der europäischen Architektur und Kunst des Mittelalters, die sich in ihren verschiedenen nationalen Ausprägungen der Früh-, Hoch- und Spätgotik zeitlich etwa von der Mitte des 12. Jahrhunderts bis um 1500 erstreckt. Der zuvor vorherrschende Bau- und Kunststil ist als Romanik, der nachfolgende als Renaissance bekannt (Wikipedia). ↩︎
- Knodt, Geschichtsblätter Lauterbach, 1920, S. 105. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 24, dort mit weiteren Erläuterungen; der Bittbrief liegt bei der Universität Gießen als Scan vor und kann hier abgerufen werden (Stand 08/2025). ↩︎
- Angersbacher Begebenheiten 1, S. 67. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 24. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 32 f; das Bild stammt aus der Aufstellung Lehrer Ecksteins aus dem Jahr 1936 über Angersbacher Urkunden. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 32 f.; siehe auch Vergangenheit und Gegenwart, S. 119. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 35 ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 33. ↩︎
