Angersbacher Sagen

Die nachfolgenden Sagen wurden der Festschrift zur 1150-Jahrfeier der Gemeinde Angersbach entnommen (Seiten 155-157) und basieren auf der Zusammenstellung von Otto Schnell. Die Erzählung vom „schwarzen Hund“ stammt aus der Aufstellung von Hauptlehrer Johannes Eckstein.

Die Teufelshündchen

Vor langer, langer Zeit kamen jedesmal, wenn ein Kindlein in der Angersbacher Kirche getauft wurde, zwei Hündchen und setzten sich rechts und links vom Taufstein nieder. Weil sie den Leuten unheimlich vorkamen und sich jedermann vor ihnen fürchtete, wurden sie Teufelshündchen genannt. Ein besonders mutiger Mann fasste den Entschluss, die Kirche von diesen geheimnisvollen Wesen zu befreien. Als sich wieder einmal eine Taufgesellschaft im Gotteshaus versammelt hatte und auch die ungebetenen Gäste wieder ihre Plätze eingenommen hatten, fasste er eins der Hündchen, um es auf dem Arm in den Wiesengrund an der Lauter zu tragen. Er hatte vor, es dort zu ertränken. Aber er war noch nicht zur Kirchentür hinaus, da sprang ihm das zweite auf den Rücken. So sehr er sich auch bemühte, es war nicht abzuschütteln. Schweißgebadet erreichte der Mann den Wehrtümpel zwischen den Breitwiesen und Rosswiesen. Als er dort sein Vorhaben ausführen wollte, brachte er das Hündchen nicht von seinem Arm herunter. Wie festgeklebt hing es an seinem Platz, den es sich nicht ausgesucht hatte. Alles Bemühen war umsonst. Der beherzte Mann musste wieder umkehren und das Hündchen in die Kirche zurücktragen. Am Altar setzte er es nieder. Da sprang auch das zweite Tier von seinem Rücken herunter und begab sich auf die andere Seite des Abendmahlstisches. Was aus den Teufelshündchen geworden ist, weiß niemand zu sagen. Sie waren auf einmal verschwunden und sind nicht wieder gesehen worden.

Die Sage vom Sattelstein

Am Abhang des Steinberges liegt ein riesiger Felsblock, der den Namen Sattelstein trägt. Auf seiner ebenen Oberfläche sieht man die Abdrücke von drei Hufeisen. Einst, so erzählt die Sage, würfelte der Teufel auf diesem Stein mit einem frommen Mönch um eine Menschenseele. Der Satan warf an und erhielt die höchste Punktzahl, nämlich achtzehn. Jetzt war der Klosterbruder an der Reihe. Und siehe, als dieser den Knobelbecher aufdeckte, da waren es neunzehn Punkte; denn aus dem einen Würfel war das Plättchen mit dem Einer herausgesprungen und lag neben den 18 Punkten. Voll Wut und Ärger darüber, dass er verloren hatte, schwang sich Luzifer auf sein dreibeiniges Maultier und verschwand mit einem gewaltigen Satz und viel Gestank in der Luft. Dabei hinterließ das Tier die Abdrücke seiner drei Hufe.1 2 3

Der schwarze Hund

Hauptlehrer Johannes Eckstein berichtet von folgender Sage:4

„Die Flur ‚Wolfshecken‘ oder ‚Wolfsäcker‘ scheinen ein altgermanischer, heidnischer Kultplatz gewesen zu sein. Hier wurde dem Gotte Wodan geopfert, der mit seinen Wölfen hier die Wacht hielt. Über den Kreuzweg, der daneben liegt, gibt es folgende Sage: Nachdem die ersten Mönche das Christentum eingeführt hatten, verbreiteten die Priester die Sage, dass es am Kreuzplatz spukt. Und zwar kommt hier der ’schwarze Hund‘, der ehemalige Wolf des Gottes Wodan, der an der Kultstätte gewohnt hat. Dadurch sollten die zweifelhaften Christen von dem heidnischen Gottesdienstplatze zurückgehalten werden. Die Sage von dem schwarzen Hund hat sich bis zum heutigen Tage noch erhalten. Mir wurde von einer Frau allen Ernstes erzählt, dass ihr Vater nachts, als er von dem Kreuzweg durch ‚Boppe Hohl‘ ging, von einem schwarzen Hunde angefallen wurde. Der Hund hing sich dem Manne auf den Rücken und blieb solange hängen, bis er an den Ausgang von ‚Boppe Hohl‘ (siehe Foto links) an die Landstraße nach Landenhausen kam. Er hat ganz genau die Tatzen auf seinen Schultern gespürt. Erst am Ausgang der Hohl sprang er ab. Das ist geschehen kurz vor dem Weltkriege.“

Diese Sage von einem Aufhocker wurde in mehreren Vogelsberg-Dörfern (in unterschiedlichen Varianten) erzählt, so auch in Stockhausen und Schlechtenwegen:

Wie die Wartenburg zerstört wurde

Die Ritter auf der Wartenburg waren mächtige Herren im Lande. Ihre Feste galt als uneinnehmbar. Deshalb sann der Fuldaer Abt darüber nach, wie er sie mit List bezwingen könne. Er kannte die Vorliebe der Brüder von Wartenberg, auf stolzen Schimmeln auszureiten. Als seine Kundschafter ihm eines Tages berichteten, dass die Ritter mit ihrem Gefolge wieder einmal unterwegs seien, besorgte er sich ebenfalls weiße Pferde und ritt mit seinen Männern gen Angersbach.

Die Burg war nur von wenigen Wächtern und Knechten besetzt. Im Schutze der Dämmerung ritten die Fuldischen frech auf den Burggraben zu. Der Wächter auf dem Turme glaubte, seine Herren selbst kehrten zurück, und hieß die Knechte das Tor öffnen. Nur kurz tobte das Gemetzel, bei dem die schwache wartenbergische Besatzung bald überwältigt wurde. Dann steckten die Eroberer die Burg in Brand und zerstörten sie gründlich.5

Eine zweite Sage weiß von einer anderen List zu berichten. Da wird erzählt, dass sich die Belagerung sehr lange hingezogen haben soll, weil die Burg stark befestigt war. An einem schönen Morgen schien es, als ob der Abt seinen Eroberungsplan aufgeben wollte. Er brach sein Lager ab und zog mit seiner Truppe Richtung Salzschlirf. Voll Freude meldeten die Wächter auf dem Turme den Rittern von Wartenberg diese Beobachtung. Jubel herrschte innerhalb der dicken Mauern. Am nächsten Morgen ausgesandte Kundschafter sahen weit und breit nichts mehr vom Feinde. Die Hufspuren zeigten deutlich, dass er das Lautertal hinabgeritten war. Für die Burgleute bedeutete dies Rettung im letzten Augenblick.

Da die Vorräte für Mensch und Tier durch die lange Belagerung bedenklich knapp geworden waren, musste ein Großteil der Besatzung zum Proviantholen ausrücken. Andere waren beschäftigt, die Schäden der Belagerung auszubessern. Schließlich ließen die Wartenberger auch die Wehre in der Lauter hochziehen, damit das gestaute Wasser aus dem die Burg schützenden Sumpf abfließen konnte. Der Abt war jedoch keineswegs nach Fulda heimgekehrt. Er ließ, nachdem er außer Sichtweite war, den Pferden die Hufeisen verkehrt aufschlagen, ritt bei Nacht zurück und legte sich am Steinberg in den Hinterhalt. Als nun seine Späher meldeten, dass die Wartenberger arglos seien und die Burg nur schwach besetzt hielten, fiel er wie ein Ungewitter über die Feste her, eroberte sie im Handstreich und zerstörte sie bis auf die Grundmauern.

Wie die Angersbacher zu ihrem Gemeindewald kamen

Bei der Eroberung der Burg Wartenberg durch den Abt Berthold von Leipolz, dem seine Gegner den Spottnamen „Fingerhut“ gaben, gelang es einer Frau von Wartenbcrg, heimlich zu fliehen. Die Angersbachcr versteckten sie im Keller eines Bauern, der den Unnamen „Ratzfall“ trug, bis die Gefahr vorüber war. Aus Dankbarkeit vermachte die Wartcnbergerin der Gemeinde Angersbach große Wälder.

Eine andere Sage erzählt, dass das letzte Glied der Familie von Wartenberg ein Fräulein Agnes war. Diese hatte in ihrer Jugend den Verlobten, Graf Kuno von Ziegenhain, verloren und verbrachte ihr restliches Leben einsam und zurückgezogen in Angersbach. Kurz vor ihrem Tode lud sie die Gemeindeältesten zu sich, bedankte sich für die große Zuneigung, die ihr in all den langen Jahren zuteil geworden war, und gab den Gcmeindevätem einen Wunsch unter drei Vermächtnissen frei. Sie durften wählen zwischen den ihr gehörigen Wäldern, den im Lautergrund liegenden Wiesen oder den ihr im Dorf selbst zustehenden Gefällen. Die Angersbacher wünschten sich den Wald und sind bis auf den heutigen Tag in seinem Besitz geblieben.

Im Jahr 1892 erschien ein Aufsatz von Justus Schneider mit dem Titel „Die Ritterburgen der vormaligen Abtei Fulda“. Dort ist auch der nebenstehende Abschnitt über unsere Wartebach zu finden, in dem die oben erwähnte Sage zum „Fräulein Agnes“ erwähnt wird (siehe Ausschnitt rechts).6

  1. Siehe auch Michel, Heimatbuch 2, S. 199 f. Neben der Erzählung der Sage schreibt er: „Zwischen Lauterbach und Schlitz erhebt sich der Steinberg. Auf ihm liegt eine gewaltige Sandsteinplatte, „Sattelstein“ genannt. Die Platte war das Grenzmal der Fürstabtei Fulda, der Grafschaft Schlitz und der Herrschaft der Freiherren Riedesel zu Eisenbach. In alten Urkunden ist der Stein ‚die Dreystatt‘ genannt. (…) Der Sattelstein war wohl ursprünglich eine chattische Opferstätte. Mit der Einführung des Christentums wurde der Sattelstein zum „Satansstein“ gestempelt. Der Sieg des Mönchs über den Teufel beim Würfelspiel sollte unseren Vorfahren den Sieg der neuen Glaubenslehre über den alten Götterglauben bewußt machen.“ Heute liegt der Sattelstein in der Wartenberger Gemarkung. ↩︎
  2. Alter Zeitungsartikel aus 1927 über den Sattelstein hier. ↩︎
  3. Eine Schlitzer Variante dieser Sage in Gedichtform veröffentlichte Georg Lohn in seinem Buch „Romantik und Kopfsteinpflaster“ auf S. 31 ff ↩︎
  4. Flurnamen in Angersbach, Nr. 36, 37. ↩︎
  5. Siehe auch der Bericht Karl Maurers im Lauterbacher Anzeiger vom 13.5.1938, abgedruckt in Burgruine Wartenberg, S. 63. ↩︎
  6. Ritterburgen der Abtei Fulda, S. 152. ↩︎