Johann Heinrich Völler (und weitere Angersbacher Orgelbauer)
Wilfried Hilbrig hält am 8. November 1987 eine Ansprache zu Ehren Johann Heinrich Völlers. Dieser baute 200 Jahre zuvor mit dem Orgelbauer Schlothmann die Angersbacher Kirchenorgel. Die Ansprache kann in dem Buch Hilbrigs „Aus Angersbachs Geschichte erzählt“ auf den Seite 131-134 in voller Länge nachgelesen werden1:

„Heute denken wir an den Bauernjungen hier, der durch seine Begabung, seinen Fleiß und seinen Mut etwas Namhaftes in seiner Zeit vollbracht hat, Johann Heinrich Völler. Am 7. März 1768 war er hier als Sohn von Johann Völler und Anna Maria geb. Becker geboren. Seinen Eltern mußte der Junge schon früh in der Landwirtschaft helfen, Die damals sehr bescheidene Angersbacher Schule konnte ihm nicht viel bieten, zumal er sie oftmals wegen der Feldarbeit nicht besuchen konnte. Aber in ihm schlummerte ein reger Geist. Den verstand sein aus holländischen Militärdiensten heimkehrender Onkel Conrad Völler zu wecken. Dessen Hobby war Mathematik. Er gab dem Neffen also Mathematikunterricht. Das spornte den Jungen überhaupt in seinen Leistungen an. (…)
Da kam die große Gelegenheit, die seinem Leben eine neue Wendung gab und ihm den Weg in die größere Welt hinaus öffnete. 1786 kam der Orgelbauer Schlothmann2 aus Spangenberg und baute bis 1787 eine neue Orgel in der Angersbacher Kirche. Am 11. Oktober d. J. hat die evangelische Kirchengemeinde das 200-jährige Jubiläum des Orgelbaues gefeiert, von dem immer noch der Barockprospekt die Gottesdienstbesucher grüßt. Unsere heutige kleine Feier ist also eine Fortsetzung zu den Gedenkfeiern dieses Jahres für Wartenberg. Johann Heinrich erfaßte damals die Gelegenheit weiterzukommen und ging bei dem Orgelbauer in die Lehre. (…)

Beruflicher Wegzug in die Kasseler Gegend

Nach Fertigstellung der Angersbacher Orgel ging Johann Heinrich mit Schlothmann in die Kasseler Gegend, wo dieser die Orgeln in Waltersbrück und Sand in Auftrag hatte. (…) Das alles setzte ihn in die Lage, seinen eigenen Ideen zu folgen und immer bessere Apparate zu entwickeln. Für seine Zeit wurde Völler berühmt durch sein größtes Werk, das Apollonion, wie er es nannte. Davon dürften gewiß viele Angersbacher wissen. Es war ein Musikschrank in Größe eines Kleiderschrankes. In diesem befand sich ein aufrechtstehendes Flügelpiano und ein wagerechtes Flötenwerk, das von einem Mechanismus seinen Wind bekam. Diese Klaviere konnten einzeln oder sechsstimmig zusammen spielen. In dem Schrank war ein Automat genanntes Instrument angebracht, wohl eine Menschenfigur, die, wenn eine Rolle aufgezogen wurde, aufstand, sich herumdrehte, eine Verbeugung machte und eine Flöte an den Mund setzte und mit richtigem Fingersatz spielte, wobei die anderen Instrumente begleiteten. (…)

Für Völler war es wichtig, in Kassel das Bürgerrecht zu bekommen. Das erreichte er dadurch, daß er glücklicherweise auf sein Ansuchen das Prädikat als Hofinstrumentenmacher erhielt. Jetzt konnte er mit einem Gesellen arbeiten und mehr Fortepianos bauen. Nach mancherlei Schwierigkeiten konnte er seinen Betrieb erweitern und schließlich mit acht Gesellen arbeiten. Er lieferte seine trefflichen Instrumente auch über Hessen hinaus bis nach Dänemark, England und Amerika. (…)
Völler bedenkt sein Heimatdorf Angersbach
Bevor Völler am 11. August 1834 starb, bedachte er neben seinen weiteren Verwandten auch sein Heimatdorf Angersbach mit einem Legat von 1000 Talern. Mit dessen Zinsen sollten jährlich die Ortsarmen, deren es viele gab, unterstützt werden. Bürgermeister Johann Heinrich Wahl machte sich nach Völlers Hinscheiden mit einem Begleiter zu Fuß nach Kassel auf und konnte das Geld in Empfang nehmen, mit dem der edle Spender seine Dankbarkeit gegen sein Heimatdorf und gegen seinen Schöpfer ausdrücken wollte, der ihn so wunderbar durch sein Leben geführt hat. (…) Im Jahre 1966 ehrte ihn die hiesige Gemeindevertretung durch die Benennung einer Straße im Neubaugebiet mit seinem Namen.“
Kaspar Nöding über Johann Heinrich Völler, 1823:
„Was uns ihn aber noch weit achtungswürdiger als Künstler macht, ist, daß er in den Tagen seines Glückes seiner unbemittelten Eltern und unversorgten Geschwister nicht vergaß. Er unterstützte die erstern, so lange sie lebten, reichlich, und verschönerte dadurch, so wie überhaupt durch treue Erfüllung seiner ihm stets heiligen Kindespflichten, den Abend ihres Lebens dergestalt, daß sein Vater, ob der innigen Freude, die er über seinen Sohn empfand, nie dessen Namen nennen hören und aussprechen konnte, ohne eine Thräne freudiger Rührung seinem Auge entgleiten zu lassen.“3
Den ältesten seiner Brüder, Johannes, ließ Völler auf seine Kosten im Fach der Musik ausbilden; Johannes wurde Musikdirektor in Stettin. Seinem zweiten Bruder, Hermann, lehrte er die Tonwerkskunst. Hermann zog als Instrumentenmacher nach Worms.4
Weitere Informationen zu Johann Heinrich Völler teilt Otto Schnell in seinem Buch „Vergangenheit und Gegenwart“ auf S. 82 f. mit. Einige Bilder von Völlers Klavieren kann man auf dieser Website sehen.
Völler nebenbei erwähnt:

Das Deutsche Musikautomaten-Museum berichtet:
Die Ansprüche an die technischen und musikalischen Möglichkeiten selbstspielender Instrumente stiegen ständig, und zu Beginn des 19. Jahrhunderts konstruierten sogenannte Musikmaschinisten wie Johann Nepomuk Mälzel ganze selbstspielende Orchester, die Orchestrien. 1799 konstruierte Johann Heinrich Völler (1768-1834) aus Angersbach in Hessen einen Automaten. Dieser Automat war eine Kombination aus Pianoforte und Flötenwerk, vor dem ein mechanischer Knabe saß, der die Tasten mit richtigen Fingersatz betätigte. Um die gleiche Zeit entstanden in der Schweiz die Spieldosen, bei denen die Stifte einer sich drehenden Messingwalze die Zähne eines Tonkamms anrissen und zum Klingen brachten.5
Es gibt viele Webseiten mit Bildern der Orgeln und Maschinen von Völler. Eine Link-Auswahl findet ihr hier.
Zufällig gefunden – Conrad Lautenbach, auch ein Angersbacher Orgelbauer!

Ein Ur-Urgroßvater Johann Heinrich Völlers betätigte sich auch schon im Orgelbau. Ob Johann und dessen Vater das überhaupt bewusst war? Zumindest ist in der Biographie über Johann Heinrich Völler, geschrieben von Kaspar Nöding (Fußnote 1), hiervon nichts zu lesen.
Orgeln von Conrad Lautenbach in Hausen, Wehrda und Schloss Eisenbach
Ich bin eher zufällig darauf gestoßen, in einem Artikel über die Kirche in Hausen bei Oberaula. Dort steht: „Eine zweite Empore nimmt die Orgel auf, die im Jahre 1658 von Orgelbauer Konrad Lauterbach aus Angersbach bei Lauterbach gebaut wurde.“6 Kann das stimmen, oder liegt hier eine Verwechslung, ein Irrtum vor? Ich kontaktierte den Heimatverein Hausen und kam hierdurch auf das Büchlein „Orgeln und Orgelbauer im Kreis Ziegenhain“ (Auszug rechts).
Neugierig geworden, fand ich dann einen weiteren Artikel über die Kirche in Wehrda (Haunetal): „In Wehrda wurde 1693 eine Orgel beschafft. Am 2. Mai 1693 verkaufte der Pfarrer M. Wolfgang Jungcurt zu Wehrda zur Finanzierung einer Orgel für 40 Reichstaler einen Pfarracker. Die Orgel wurde vom Orgelmacher Lautenbach aus Angersbach erbaut. Sie ist nicht erhalten.“7

Und eine google-Suche führte mich dann zur Kirche von Schloss Eisenbach: „Der Kanzelaltar wurde 1673 von Kaspar Wiedemann aus Schlitz und Conrad Lautenbach aus Angersbach „nach dem zu Weilmünster geholten Abriß“ gefertigt.“8 Ferner wird auch in den „Heimatblättern“ über ihn berichtet (siehe Bild links). Wenn er drei Mal genannt ist, muss es wohl stimmen.
Lautenbach mit den Lehrern Völler und dem Orgelbauer Völler verwandt

Über Kirchenbücher fanden wir dann heraus, dass dieser Conrad Lautenbach eine Tochter Helena hatte, die 1689 Adam Völler heiratete. Adam war, wie schon sein Vater Wilhelm Balthasar, Lehrer in Angersbach. Und auch einer von Adams Söhnen, Johannes Völler, wurde Lehrer! Vom Jahr 1658 ab, bis zum Jahr 1773 – also 115 Jahre lang – brachte die Familie Völler den Angersbachern das Lesen, Schreiben und Rechnen bei. Eine Übersicht findet ihr hier. Festzuhalten ist: „Unser“ Johann Heinrich Völler ist also ein Ur-Urenkel des Orgelmachers Conrad Lautenbach.
Conrad Lautenbach wurde am 6.2.1643 in Angersbach geboren und am 7.11.1707 hier begraben.9
Johannes Eichenauer und sein Sohn Johann Ernst Emil Eichenauer – Nachkommen Lautenbachs und ebenfalls „vom Fach“


Und als wäre das noch nicht genug an Orgelbauern, ist im Buch „Aus Angersbachs Geschichte erzählt“ die nebenstehende Antwort auf eine Anfrage des Angersbacher Heimatforschers Hermann Walter abgedruckt. Es geht um Johannes Eichenauer, geb. 1807, und dessen Sohn Johann Ernst Emil, geb. 1845. Beide waren ebenfalls Instrumenten- und Orgelbauer.
Ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass die beiden Eichenauers, Jahrgänge 1807 und 1845, nicht auch mit Völler und Lautenbach verwandt sind? Und tatsächlich: Johannes Eichenauers Mutter, Margaretha Völler, ist eine Schwester Johann Heinrich Völlers. Und aus ihrer Ehe mit Conrad Eichenauer entsprang die nächste Generation der Orgelbauer: Johannes Eichenauer und dessen Sohn Johann Ernst Emil.
Von Johannes Eichenauer wird berichtet: „wurde nach seiner Ausbildung bei einem unbekannten Meister um 1835 erster einheimischer Orgelbauer in Speyer, wo er seit 1844 eine eigene Werkstatt führte. Seine Tätigkeit bestand im Wesentlichen aus Reparatur- und Umbaumaßnahmen. (…) 1877 gab Eichenauer sein Geschäft auf und übersiedelte zu seinem Sohn nach Kaiserslautern.“10 Ob der genannte „unbekannte Meister“ vielleicht sogar sein Onkel Johann Heinrich Völler war?

Emil Eichenauer heiratete in Kaiserslautern, wo er wahrscheinlich bei Carl Wagner Geselle war, und setzte um 1874 dessen Werkstatt fort, da seine Söhne nach Amerika auswanderten. Neue Orgeln von ihm sind nicht bekannt.12 Emil Eichenauer wirkte z.B. 1867 beim Umbau der Orgel in Neustadt an der Weinstraße mit.13
- Siehe auch: Angersbachs Geschichte, S. 40; eine schöne Beschreibung des Werdegangs Völlers stammt von seinem Zeitgenossen Kaspar Nöding aus dem Jahr 1823, verfasst also noch zu Völlers Lebzeiten. Nöding beschreibt u.a. Völlers Schwierigkeiten, seinen Vater, ein einfacher Angersbacher Ackermann, zu überreden, eine Lehre als Schreiner und Orgelbauer beginnen zu dürfen. Abrufbar hier (abgerufen 9/2025); ein darauf fußender Artikel findet sich auch in der Zeitschrift Hessenland, 1933, Heft 1/2, S. 175. ↩︎
- Mehr über Schlothmann (oder Schlottmann), der in Geldsachen wohl recht liederlich war, bei Wikipedia (mit Bild der Angersbacher Orgel); ausführlich über seinen Werdegang auch im Buch Orgelbauer Ziegenhain, S. 283 ff. ↩︎
- Nöding, Völlers Lebensbeschreibung, S. 31 f. ↩︎
- Nöding, Völlers Lebensbeschreibung, S. 32 f. ↩︎
- https://www.zvab.com/Deutsches-Musikautomaten-Museum-Schloss-Bruchsal-Au%C3%9Fenstelle-Badisches/32191453714/buch?cm_ven=nl&cm_cat=trg&cm_pla=want_ZV&ref_=pe_aep_AEP_wants_buyer-wants&cm_ite=viewbook> (abgerufen 09/2025). ↩︎
- Buchenblätter 1967, S. 82 (das Datum 1658 kann nicht stimmen, da Lautenbach 1643 geboren wurde. Richtig ist wohl 1688; siehe auch die Website von Hausen.) ↩︎
- Buchenblätter 1983, S. 16. ↩︎
- https://denkxweb.denkmalpflege-hessen.de/66515/. ↩︎
- Kirchenbücher von Angersbach. ↩︎
- Eichenauer (Familie) [Musik und Musiker am Mittelrhein 2 | Online] (abgerufen Oktober 2025). ↩︎
- Bild der folgenden Website entnommen: Eichenauer (Familie) [Musik und Musiker am Mittelrhein 2 | Online] (abgerufen Oktober 2025). ↩︎
- Siehe Fußnote 10. ↩︎
- Neustadt an der Weinstrasse / Haardt – Protestantische Kirche – Orgel Verzeichnis – Orgelarchiv Schmidt (abgerufen Oktober 2025). ↩︎
