Angeschbeacher kirmes
Ach bee schee ach bee schee, bann mer uff de Kermes geh …

Unsere Kirmes findet jedes Jahr am vorletzten Oktober-Wochenende statt. Das war nicht immer so: Die Angersbacher feierten bis zum Jahr 1683 Sonn- und Montags die Kirmes, dehnten diese aber oftmals auf die ganze Woche aus. Das erschien der Obrigkeit schließlich zu bunt. Eine Verordnung aus dem Jahre 1683 verlegte deshalb die Kirmes in die zweite Wochenhälfte, beginnend am letzten Donnerstag im September. Erst auf Veranlassung Pfarrer Brieglebs im Jahr 1860 wurde der Festbeginn um einen Monat auf den Donnerstag vor Allerheiligen (Allerheiligen ist immer der 1. November) verschoben, weil bis dahin alle Erntearbeiten abgeschlossen waren. Dabei ist es bis zum heutigen Tag im Großen und Ganzen geblieben.1
Die Kirmes vor 165 Jahren

Otto Schnell schreibt im Jahr 19632: „Geändert haben sich aber manche Bräuche. Deshalb ist es wohl interessant nachzulesen, wie unsere Vorfahren um das Jahr 1860 ihre Kirmes gefeiert haben.“ Hier der vollständige Text in unveränderter Schreibweise3:
„Veranstalter des Festes, das im Alten Wirtshaus gefeiert wurde, waren die drei Burschenspinnstuben. Die jüngste Partie tanzte in der Wirtsstube unten links; erst mit den Jahren stiegen sie auf. Die beiden älteren Gesellschaften losten zuerst, wem der Saal zustünde. Da der jeweilige Verlierer wirklich eine Niete zog, er mußte nämlich mit dem „Buden“, der Oberstube, vorlieb nehmen, kam es häufig zu Mißstimmungen. Deshalb entschied Bürgermeister Ortwein (Anm: bis 1886 Bürgermeister) kurzerhand, daß in Zukunft die beiden Partien alljährlich zu wechseln hätten.
3 Tage schulfrei

Die Musikanten, die schon lange vorher verpflichtet worden waren, trafen um die Mittagszeit des Donnerstags in der jeweiligen Spinnstube ein. Von dort holten sie die Burschen zum Essen bei sich zu Hause ab. Nach der Mahlzeit wurde es lebendig auf der Straße. Im lustigen Zuge ging es zum Wirtshaus, die Musik hell blasend voraus. Auch die Mädchen stellten sich bald ein, und nun wechselten Walzer, Schottisch, Galopp, Hopser, Polka und Ländler in bunter Folge ab. Dazwischen klangen die schönen alten Volkslieder auf. Mitunter ertönte ein Ruf nach Solo. Irgendeinem Gast wurde die Ehre erwiesen. Auch die Kleinsten übten sich schon im Tanz. Wofür hatten sie auch drei volle Tage schulfrei?
Die Männer saßen im unteren Zimmer rechts (heutiger Laden). Oben in der „Neuen Stube“ fanden gewöhnlich fremde Gäste ihr Unterkommen. In den kleinen Trinkstuben ging es „ab und zu“. Um Mitternacht war der Tanz zu Ende. Der „Kerbjung“, den jede Gesellschaft für sich schon Tage vorher gewählt hatte, überschlug die auf dem Kerbholz notierten gemeinsamen Unkosten und durfte sich dann auch zur Ruhe begeben.
Arme Leute, besonders aus Lauterbach und Maar

Mit dem Morgen des zweiten Tages erwachte das Dorf zu neuem Leben. Den Burschen galt es, ihren Mädchen aufspielen zu lassen. Das kostete zwar drei Batzen extra, aber die opferten sie gern. Auch Pfarrer und Lehrer bekamen ihr Ständchen, sie bezahlten es üblicherweise selbst. Die Mädchen zeigten sich durch ein großes Stück von den „Gelben Kuchen“ erkenntlich, die in reichlichem Maße mit viel Safran gebacken worden waren. Einer der Gesellschaft sammelte die Gaben in einem mitgeführten Sack. Von dem „Gelben Kuchen“ hatten tags zuvor schon der Schweine-, Ziegen- und Gänsehirt sowie von Haus zu Haus ziehende „Stammgäste“ (arme Leute, besonders aus Lauterbach und Maar) ihren Teil abbekommen. Der Branntwein, der beim Aufspielen getrunken wurde, kam auf das Kerbholz. Nach dem Umzug ging es zum Mittagessen nach Hause. Es gab Kraut und Fleisch. Um 12 Uhr begann wieder der Tanz in den Raumen des Wirtshauses. Während am ersten Tag einfache Kleider genügten, kam jetzt die bunte Kirmestracht zur Geltung.
Die Kirmes wird begraben
Am dritten Tag wurde die Kirmes begraben. Nachdem ausgiebig gegessen und getrunken worden war, geleiteten die Burschen die Musikanten zum Dorf hinaus. Sie hatten sich dazu verkleidet und trieben allerlei Narrenspossen. In der Nähe der Ziegelhütte, bei den Rodwiesen, gruben sie ein Loch, legten den letzten Hering hinein, gossen einen Tropfen Branntwein dazu und schlossen das Grab. Nach dem Gottesdienst am Sonntag rückten die drei Burschenspinnstuben wieder in ihre Räume im Wirtshaus ein. Die „Kerbjungen“ machten ihre Rechnung auf, sie stimmte oder wurde stimmend gemacht. Jeder zahlte seinen Beitrag. Nach der Abrechnung gab der Wirt seinen freien Trunk. Das wurde dann allemal ein gelungener Abschluß der so ausgiebig gefeierten Kirmes.“
Pfarrer Wilhelm Krämer schreibt 1928 in der Angersbach-Rudloser Kirchenzeitschrift „Heimatglocken“:

„Die vergangene Woche stand in Angersbach im Zeichen der weitbekannten Angersbacher Kirmes. Trotz Übermut und fröhlicher Ausgelassenheit ging es aber doch immer friedlich zu. Es sei hier einiges über die Angersbacher Kirmes aus alten Blättern mitgeteilt: Das Fest fällt auf Donnerstag vor Allerheiligen und ist als Volksfest getrennt von dem kirchlichen Michaeliweihfest. Schon wochenlang vorher dreht sich alle Rede und alles Tun um die Kirmes. Die Alten müssen vor allem daran denken, Geld zu beschaffen nachdem die eigentlichen Feldarbeiten vorüber sind. In Haus,, Hof und Stall macht sich große Sorgfalt in Herstellung alter Lücken und Fehler bemerkbar. Die Garderobe wird gemustert und von Schuh und Strümpfen bis zum Käppchen hinauf nach Kräften rekrutiert. Die Frauen überschlagen den nötigen Bedarf an Butter, Eiern und Kaffee, während der Mann für schönes Brot und das Kuchenmehl sorgen muß. Safran zu Färben des Kuchen darf unter keinen Umständen fehlen. (Fortsetzung folgt.) Mit evang. Gruß. Kärmer, Pfarrer.
Bam iss dee Kermes? ONS! Bam iss dee Kermes? ONS! Bam iss dee Kermes? ONS, ONS, ONS!
Die Kirmes heute

Der Kirmesclub Angersbach veranstaltet jährlich die Kirmes im Wartenberg Oval. Vorher fand sie bis ca. 2003 im mittlerweile abgerissenen Gasthaus zum Löwen (‚Altwirts‘), aber auch in sämtlichen anderen Angersbacher Wirtschaften (insgesamt 7) statt. Davon haben wir leider nur noch drei (‚Hühne‘, ‚Bej Jerje‘ und ‚Leos Bistro‘).

Los geht es Mittwoch Abends mit dem Antrinken im Wartenberg Oval. Donnerstag und Samstag abends spielen Live-Bands. Der Haupttag, das ist der Freitag. Ein wahrhaftiger Angersbacher nimmt sich an diesem Tag Urlaub, da die Feierlichkeiten bereits morgens beginnen. Man trifft sich zum Frühschoppen am Wartenberg Oval, bei ‚Keippe‘ oder neuerdings auch bei den Landsknechten, die in der Lauterbacher Straße für Bewirtung sorgen.
Im Oval spielt Freitags traditionell eine Blaskapelle. Und die Angersbacher Kirmesmusikanten Luud moss sej spielen an allen (un-)möglichen Orten im Dorf auf. Das ‚Angeschbeacher Lied‚ darf dabei natürlich nicht fehlen.
