Unsere Kirchturmglocken

Die Lebenden rufe ich, die Toten beklage ich.

Inschrift der Schlitzer Christophorusglocke1
Allgegenwärtig – aber oft überhört

Das Geläut unserer Kirchturmglocken ist allgegenwärtig. Die Glocken gehören zu unserem Alltag, man hört sie eigentlich ständig. Zu besonderen Anlässen erklingt auch ein besonderes Geläut. Dennoch beachten wir unsere Glocken nicht wirklich, sondern nehmen sie eher unbewusst wahr. Wer weiß schon, wie viele Glocken die Angersbacher Kirche hat? Und wer kann sagen, welches Geläut für welchen Anlass klingt? Und wie alt sind unsere Kirchturmglocken eigentlich? Wie sehen sie aus?

Otto Schnell über Die Angersbacher Kirchturmglocken

Möllers alte Chronik2 berichtet, „anno 1400“ sei die „große Glocke“ gegossen worden. Ob also schon damals (um 1400) drei Glocken vorhanden waren oder das Geläute beim Turmbau (1498) ergänzt wurde: Fest steht, dass sie rund 400 Jahre lang ihren Dienst taten, bis sie im Jahre 1900 durch ein ganz neues Geläute (mit 3 Glocken), das bei den Gebrüdern Ulrich in Laucha gegossen worden war, ersetzt wurden. Leider — möchte man beinahe sagen. Denn durch das geringe Alter mussten die zwei größten Glocken im ersten Weltkrieg abgeliefert werden3, und die am 22.3.1922 wieder in den Glockenstuhl verbrachten Ersatzglocken ereilte das gleiche Schicksal im zweiten Weltkrieg. Nur das kleine Glöckchen aus dem Gussjahr 1900 überdauerte beide Völkerringen.

Im Jahre 1950 konnten wir zwei in der Glockengießerei Rincker, Sinn, gegossene Glocken der kleinen zugesellen, und im Jahre 1960 wurde im Zuge der großen Außenrenovierung das Geläute durch eine von der gleichen Firma gegossene vierte Glocke vervollständigt.4

Unsere heutigen Glocken tragen folgende Inschriften:

1. (1900) Du sollst mich preisen. Lobe den Herrn, meine Seele.

2. (1950) O Land, Land, Land höre des Herrn Wort. Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zum Trost.

3. (1950) Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit. Nach Krieg und Leid und harter Zeit ruf ich erneut zur Seligkeit.

4. (1960) Fürchte dich nicht! Denn ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige!“6

Die Inschriften der 3 alten Glocken aus 1900

Wie gut, dass der Schlitzer Pfarrer Hermann Knodt bereits um 1917/18 die Inschriften der damaligen Kirchturm-Glocken im Vogelsberger Land und auch die der damals drei Glocken in Angersbach noch rechtzeitig aufgezeichnet hat. Darunter ist auch die kleine Glocke aus 1900 (oben Nr. 1, unten Nr. 3). Die beiden ersten, größeren, Glocken aus 1900 mussten im 1. Weltkrieg abgegeben werden (siehe oben). So kennen wir auch heute noch die Inschriften der beiden größeren Glocken, die nur ungefähr 17 Jahre in der Angersbacher Kirche ihren Dienst taten.

Große Glocke 1: 98 cm, „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Pf. 50, 15. „Rufe mich an in der Not.“ Pfingsten 1900. Gegossen von Gebr. Ulrich in Laucha a. d. Unstrut.

Mittlere Glocke 2.: 78 cm, „Seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“ „Ich will dich erretten.“ Pfingsten 1900. Gegossen von Gebr. Ulrich in Laucha a. d. Unstrut.

Kleine Glocke 3: 65 cm, „Du sollst mich preisen.“ „Lobe den Herrn meine Seele.“ Pfingsten 1900. Gegossen von Gebr. Ulrich in Laucha a. d. Unstrut.7

Nach dem 1. Weltkrieg wurden am 2. März 1922 erneut Ersatzglocken in den Glockenstuhl verbracht. Diese ereilte im 2. Weltkrieg dasselbe Schicksal wie im vorigen 1. Weltkrieg, sie wurden eingeschmolzen.8 Wie oben bereits erwähnt, überlebte nur das kleinste Glöcklein aus 1900 – bis heute.

Die Inschriften der 3 alten Glocken aus 1922

Die Inschriften der beiden 1922 neu in den Kirchturm gekommenen Glocken sind bekannt aufgrund einer Aufzeichnung in den „Heimatglocken“9 aus dem Jahr 1929. Die Inschriften lauten:

Große Glocke: „Nach Krieg und Leid und schwerer Zeit ruf ich erneut zur Seligkeit.“ (1922)

Mittlere Glocke: „Den Gefallenen zum Gedächtnis, den Lebenden zum Trost.“ (1922)

Kleine Glocke: „Lobe den Herrn, meine Seele – Du sollst mich preisen.“ (1900)

Die Inschriften der 3 alten Glocken bis 1900

Aber auch die Inschriften der ganz alten Glocken, die 1900 ersetzt wurden, sind teilweise bekannt. Die jeweiligen Pfarrer schrieben Ortschroniken, in denen sie die wichtigsten dörflichen Begebenheiten festhielten. Wilfried Hilbrig zitiert aus dieser Ortschronik (OC II, S. 68) wie folgt, wobei hier kein Datum des Eintrags angegeben ist:

“Die Glocken sind drei.

1. Die kleine Glocke, ohne Jahreszahl trägt die Inschrift: ‘Ave Maria’ und soll vor langen Jahren außerhalb des großen Turms unter einer vorspringenden Bedachung, wie an den Türmen zu Schotten, Dauernheim, Echzell usw. aufgehangen gewesen sein und ihr Schall auf der Langebrücke zu Fulda gehört worden, ja, man habe sie in Fulda gern gewinnen mögen, allein vergeblich den Angersbachern dafür so viel Geld angeboten als nötig, das köstliche Glöcklein auszuführen.

2. Die mittlere Glocke = Betglocke, trägt die Inschrift (…):‘O rex gloriose, veni com pace’

3. Die große Glocke = Uhrglocke, trägt die Inschrift, welche ich nicht ganz zu entziffern vermöchte: anno domini millesimo CCCC…“10

Horst Müller: „Bremm lidds da?“11

Horst Müller hat im Jahr 2014 in einer Ausgabe unseres Kirchenblättchens „Mittendrin“ die Kirchturmglocken und deren Läuten schön beschrieben12:

„Diese Inschriften sollen jeweils der Ruf sein, den die Glocke durch ihren Klang weiterträgt. So verkündet sie Gottes Wort, tröstet Menschen und erinnert uns daran, unseren Einsatz für den Frieden unter den Menschen nie aus den Augen zu verlieren.“

Das Läuten gibt dem Tag eine Struktur

Horst Müller berichtet weiter: „In früheren Zeiten gab das Kirchturmläuten den Ortsansässigen eine zeitliche Struktur vor. Noch heute zeigt uns die „Uhrglocke“ täglich halbstündlich und stündlich die Zeit an. Das Läuten der „Betglocke“ um 11 Uhr vormittags erinnert daran, dass es auf den Mittag zugeht. Es bittet aber auch die Menschen draußen auf dem Feld oder im Dorf, einmal während ihrer Arbeit innezuhalten, einen kleinen Moment zur Ruhe zu kommen und ein Gebet zu sprechen.

Das Abendläuten, bei Einbruch der Dämmerung, verkündet den Menschen draußen den Feierabend. Es erinnert daran, Gott durch ein Gebet für diesen Tag zu danken und bittet vor der kommenden Nacht in die sichere Gemeinschaft des Dorfes zurückzukehren.

Vorbereitung auf den sonntäglichen Gottesdienst

Am Samstagnachmittag um 14 Uhr läuten alle Glocken und erinnern die Menschen, sich auf den kommenden Sonntag vorzubereiten. Sonntagmorgens um 8 Uhr wird der „Tag des Herrn“ festlich eingeläutet und wir wissen, dass heute die Arbeit ruhen darf und wir Gott im sonntäglichen Gottesdienst danken und loben sollen, aber auch unsere Sorgen und Nöte vor ihn bringen dürfen.

Das Zeitläuten um 8.30 Uhr und 9.30 Uhr zeigt an, wie viel Zeit uns noch bleibt, bis der Gottesdienst beginnt. Zehn Minuten vor Beginn läuten dann nochmals alle Glocken und begleiten mit ihrem Klang die Bürger auf ihrem Weg zum Gotteshaus. An hohen Feiertagen, wie Weihnachten, Ostern und Pfingsten, begleitet der Glockenklang die Kirchgänger auch auf dem Heimweg.

Die Vaterunser-Glocke

Während des Gottesdienstes verkündet die kleine Glocke (die „Vaterunser-Glocke“) nach draußen, wann das Gebet des Herrn gebetet wird. So haben alle Menschen im Dorf, die nicht am Gottesdienst teilnehmen können, weil sie vielleicht krank oder gebrechlich sind, die Möglichkeit in der Gemeinschaft der Gottesdienstbesucher zu beten. Das gibt vielen Kranken oder Einsamen das Gefühl nicht alleine zu sein, sondern durch das gemeinsame Gebet Verbindung zur Gemeinde zu haben.

Trauer- oder Beerdigungsläuten

Das Trauer- oder Beerdigungsläuten unterliegt einer besonderen Ordnung. Eine Stunde vor Beginn der Beerdigung oder Trauerfeier auf dem Friedhof läutet drei mal kurz die „Vaterunser-Glocke“ – dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist. Nach dem dritten Läuten ertönen alle Glocken und erinnern daran, dass wir bald Abschied nehmen müssen von einem Mitglied unserer christlichen Gemeinde.

In früheren Zeiten, als die Beerdigungen noch vom Sterbehaus ausgingen, läutete der Kirchendiener mit dem kleinen Glöckchen, wenn der Pfarrer das Pfarrhaus verließ und sich auf den Weg zum Trauerhaus machte. Dann wusste die versammelte Trauergemeinde, dass die Aussegnung am Haus bald beginnen würde. Am Ende der Trauerfeier auf dem Friedhof begleitet der Glockenklang den Sarg von der Trauerhalle bis zum Grab. Ist der Sarg im Grab angekommen, schweigen auch die Glocken.

So endet das irdische Dasein dieses Menschen mit Verstummen der Glocken aber in der Hoffnung auf das Ewige Leben bei Gott.“

Auch auf Youtube sind unsere Glocken zu hören.

  1. Knodt, in Geschichtsblätter für den Kreis Lauterbach 1918, S. 34 mit Verweis auf Schillers Lied von der Glocke (Vivos voco. Mortuos plango. Fulgura frango.). ↩︎
  2. Der Angersbacher Bauer und Schneider Andreas Möller wurde am 19.4.1727 geboren und starb am 27.12.1802. Von 1757 bis 1806 notierte er in einem „Schreibbuch“ alle für ihn wichtigen Ereignisse (nach seinem Tod schrieben die Kinder). Er berichtet u.a. über den 7-jährigen Krieg und die französische Revolution. Für uns Angersbacher sind aber vor allem die lokalen Schilderungen bedeutsam, wie z.B. Wetterereignisse. Wir verdanken es dem Lehrer Friedrich Schwarz, dass er die Aufzeichnungen Möllers in seinem Buch Angersbacher Begebenheiten 2 überliefert und vor dem Vergessenwerden bewahrt hat. ↩︎
  3. Am 20. Juli 1917 mußten die beiden größten Glocken abgeliefert werden. Etliche Wagen Stroh wurden zwischen der Kirche und der Alten Schule ausgebreitet, dann warf man die Glocken hoch vom Turm herunter auf die weiche Unterlage (Vergangenheit und Gegenwart, S. 88). ↩︎
  4. Vergangenheit und Gegenwart, S. 120. ↩︎
  5. Artikel aus der WELT (abgerufen 10/2025); über die Glockenabnahme 1917 in Großenlüder mit Foto berichten die Buchenblätter 1996, S. 24. ↩︎
  6. Vergangenheit und Gegenwart, S. 120. ↩︎
  7. Knodt, in Geschichtsblätter für den Kreis Lauterbach 1918, S. 38. ↩︎
  8. Vergangenheit und Gegenwart, S. 120. ↩︎
  9. Die örtliche Kirchenzeitung „Heimatglocken“ wurde um 1928 vom damaligen Angersbacher Pfarrer Wilhelm Krämer begründet und bis ca. 1940 fortgeführt. ↩︎
  10. Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 39. ↩︎
  11. Warum läutet es denn? ↩︎
  12. Horst Müller in: Mittendrin 2014, Ausgabe 4. ↩︎