Das dachziegelwerk in angersbach
Hintergrund

Die Herrschaft Riedesel war de facto ein eigenständiger Staat und bestand bis 1806.1 Dann wurde ihr Land in die Provinz Oberhessen des Großherzogtums Hessen eingegliedert und den Freiherren Riedesel zu Eisenbach eine wichtige Finanzquelle verschlossen. Schon in der Vorahnung rangen sie sich durch, neben ihren Besitztümern an Wald und Boden auch in der Erweiterung ihrer Industrie neben Brauerei und Holzwerken (Sägewerken) ein Dachziegelwerk zu errichten. Das dauerte noch bis zum Jahr 1842.2
Wie die Töpfer des Mittelalters nutzte dann das im Jahre 1842 gegründete Dachziegelwerk der Firma „Sämmtliche Riedesel Freiherren zu Eisenbach“ (Industriebetriebe) den in unserer Gemarkung vorhandenen Ton aus.3
1842-Gründung Dachziegelwerk
Erst nach der Erbauung der Staatsstraße Fulda-Lauterbach im Jahre 1837 kaufte man die Flur Rothwiese, die halbe Wiese eines Angersbachers, später die andere Hälfte. Das Material für das Werk lieferte die Tongrube, die unmittelbar über dem dortigen Bergrutsch liegt.4
1848 – Zerstörung der Ziegelei
Pfarrer Briegleb schreibt: „Im Jahr 1848 ward die Ziegelei von den die Herren von Riedeseln ihrer beständigen Prozesse namentlich über von ihnen abzugebendes Holz hassenden Bauern der nordwestlich gelegenen Ortschaften und zugleich mit der Zerstörung des Burgschlosses, des Eisenbacher Hauses in Lauterbach und des Schlosses Eisenbach selbst so niedergebrannt, wobei sich übrigens von Angersbachern, außer etlichen nichtswürdigen Proletariern, niemand beteiligt hat.“
Im Kapitale V. der Riedeselgeschichte wurde aber doch genauer berichtet, daß das hessische Militär bei der Niederdrückung des Aufstandes „viele Schuldige, auch aus Angersbach, verhaftete und bestrafte. Die höchste Strafe erhielt Kaspar Schwärzel aus Angersbach mit 9 1/2 Jahren.“5
Dazu muss man wissen, dass 1848 das Jahr der deutschen Revolution war mit dem Ziel der politischen Freiheit und nationalen Einheit (Stichwort: Paulskirche).
1850 Wiederinbetriebnahme, 1928 Gleisanschluss und Seilbahn, 1941 Großbrand

Nach dem Brand von 1848 wurde das Werk modernisiert und ca. 1850 wieder in Betrieb genommen. Die alte Tongrube wurde unwirtschaftlich, so dass man 1928 über eine fast einen Kilometer lange Drahtseilbahn, die nördlich über die Talsohle der Lauter und die Bahnstrecke führte, neue Tonvorkommen zuführte (siehe Bild links, vom Vaitsberg aus aufgenommen).6 Ebenfalls wurde 1928 ein (kostenträchtiger) Gleisanschluss durch den Finanzminister der hessischen Regierung in Darmstadt genehmigt: „Ich habe der Freiherrlich Riedeselschen Dampfziegelei in Angersbach die widerrufliche Erlaubnis erteilt, vom Bahnhof Lauterbach-Nord aus ein Anschlußgleis anzulegen und mit Lokomotiven der Reichsbahn zu betreiben.“7 Am 30. September 1941 – berichtete der Betriebsleiter Otto Leihner – „brach ein Großfeuer in der Ziegelei aus, welches so rasch um sich griff, daß ein großer Teil der Gesamtanlage zerstört wurde und die Ziegelei zur Stillegung kam“.8
Um 1963 – Otto Schnell berichtet:
Mit zur Zeit 125 Beschäftigten stellt das Werk jährlich 10 Millionen Dach- und Mauerziegel her. Dazu kommen noch Schwerbetonsteine, die einer Mauerziegelmenge von 1,5 Millionen Stück entsprechen. Im Zuge der Rationalisierung und Automatisierung konnte 1962 ein moderner Tunnelofen mit Ölfeuerung in Betrieb genommen werden.9
2000 – Endgültige Schließung
2000 wurde die Produktion eingestellt und das Werk stillgelegt. Der Abbruch des älteren Teils der Ziegelei begann mit der Sprengung des Schornsteins am 21. Juni 2012.10
Zwei herrliche Ölgemälde mit Blick über Angersbach



Pfarrer Wilfried Hilbrig: „Zwei herrliche Ölgemälde wollen uns noch einmal in die Frühzeit des Dachziegelwerkes führen. Herr Friedrich Schwarz hat sie in dem zusammen mit dem Fotoclub Lauterbach herausgegebenen Buch “Angersbacher Begebenheiten” (Band I) dankenswerter Weise auf Seiten 50 und 51 so schön einander gegenübergestellt. Beide Bilder lassen den Blick weit über die Talsohle des Lauterbacher Grabenbruches gleiten, der bei Reuters beginnt und im Hintergrund des Bildes mit dem Langenberg (Kalkberg) hinter Müs endet. Dahinter schließt sich der Großenlüderer Graben an. Am Horizont erhebt sich die Rhön. Mitten zwischen den grünen Auen liegt Angersbach, von den Malern etwas verschieden dargestellt, das eine mehr bäuerlich aufgelockert, das andere ein Städtchen, beidemal vom Kirchturm hoch überragt.
Das ältere Gemälde (links) stammt von dem Angersbacher Pfarrersohn Friedrich „Fritz“ Ebel (*1808 +1873)11, der damals in den politisch bewegten Zeiten eine besondere Rolle gespielt hat (Anm.: Sohn des Friedrich Christian Ebel, der von 1818-1852 in Angersbach Pfarrer war). Als er da oben am Kugelberg saß und malte, war das Ziegelwerk noch nicht da, sonst hätte er es rechts bestimmt mitgemalt. Er muß also vor 1842 da gemalt haben. Sein Sohn Friedrich Carl Werner (ebenfalls „Fritz“ genannt) wurde als „der Maler des deutschen Waldes“ bezeichnet (*21.4.1835 Lauterbach +20.12.1895 Düsseldorf).

Das andere Bild (rechts) stammt von dem Angersbacher Lehrer Wilhelm Ackermann, der von 1845 bis 1851 Lehrer an der Zweiten Schule war. Weil die Ziegelei nach der Zerstörung von 1848 schnell wieder aufgebaut wurde, konnte er vom Vaitsberg her gesehen rechts das Werk mitmalen.12 Da liegt es, frisch und schnell wieder aufgebaut, rechts am Bildrand. In künstlerischer Freiheit hat er ebenso schön die Helmesmühle hoch über die im Tal sich hinschlängelnde Lauter gegenüber gestellt. Es ist kurz nach dem Brand, ein Bild des Friedens. Das Helmesmüller-Ehepaar hat die Kuh von der Wiese geholt und führt sie heim, ein stiller Abend senkt sich übers Land. Die Schatten der Bäume vorn liegen schon auf dem Hang, während die weite Mulde mit dem Dorf noch im Abendschein glänzt.
Der Rauch des Brennofens (der Ziegelei) zieht friedlich über die Häuser. Gemalt von Ackermann um 185013, bald nach der Katastrophe. Es soll nun friedlich weitergehen. Da sitzt ja der Förster mit dem Gewehr auf dem Rücken und hält Wacht. Vielleicht dachte der Maler an manches Märchenbild mit dem Förster, der vor dem Wolf behütet. Er hat im unteren Teil des Gemäldes alles so lieblich und märchenhaft gemalt.
Beide Gemälde zeigen die Bodenschwelle aus der Keuperzeit, die Angersbach von Landenhausen trennt, welches winzig dahinter noch auf beiden Bildern zu sehen ist, etwas links davon das Kirchtürmchen. Auf erwas Besonderes darf ich aufmerksam machen. Beide Maler haben rechts hinter Landenhausen einen spitzen Kegel hingesetzt, wie Lavadurchbrüche der Tertiärzeit überall erscheinen. Das ist der Steinküppel in der Landenhausener Gemarkung, den es heute zum Teil nicht mehr so gibt. Er ist seitdem als Basaltschotter für die Straßenbauarbeiten abgebaut, während der Buntsandstein zum Häuserbau u. a. aus dem Steinbruch am Hang des Aßberges geholt wurde, dem hohen Bergrücken davor, den beide Maler hingemalt haben.“14
- Wikipedia ↩︎
- Angersbachs Geschichte, S. 115. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 143. ↩︎
- Angersbachs Geschichte, S. 115, 117. ↩︎
- Angersbachs Geschichte, S. 115, S. 55; weiterführend: Vergangenheit und Gegenwart, S. 85, mit Wiedergabe einer Chronik der Geschehnisse des Angersbacher Bürgers Johannes Herber; weitere Literatur zur Revolution 1848 im Riedesel-Land: Schwarz, Der Lauterbacher Aufruhr — nach der Chronik des Johannes Herber aus Angersbach, Heimatblätter 1950, Nr. 8; Urstadt, der Krawall in Lauterbach im März 1848 (abrufbar unter https://jlupub.ub.uni-giessen.de/items/c4b73cb6-5362-4d85-b4e7-ddef38a637ce (Stand 08/2025). ↩︎
- Angersbachs Geschichte, S. 117; Riedesel 7, S. 132, 134. ↩︎
- Riedesel 7, S. 133 mit vielen weiteren Ausführungen und Quellenangaben zur Geschichte des Dachziegelwerks. Prof. Dr. Helfenbein führt auf S. 134 z.B. aus: „Errichtet werden musste auch eine „Lauterbrücke“, eine Rangiermauer sowie eine Gleiswaage, so dass die Gesamtkosten auf Grund der wiederholt zu beseitigenden Bodenverschiebungen sich auf 207.806,00 Reichsmark beliefen.“ ↩︎
- Riedesel 7, S. 137. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 143. ↩︎
- Industriekultur Mittelhessen. ↩︎
- Näheres zu Friedrich Ebel in Angersbacher Begebenheiten 2, S. 147 f. Unter anderem schreibt Friedrich Schwarz: „Zu Friedrich Ebels Kommilitonen zählten Baron Ludwig Volbrecht Riedesel sowie die Lauterbacher Bürgersöhne Sartorius, Calmberg und Mylius. Mit diesen organisierte er 1830 das etwa 60 Mann starke Schützenkorps in Lauterbach, um den revolutionären Bewegungen entgegenzutreten, die von Frankreich ausgehend, in Kurhessen lokale Aufstände ausgelöst hatten, die nun auf das großherzogliche hessische Gebiet am Vogelsberg übergriffen. (…) Er starb in Lauterbach am 5. 8. 1873; 65 Jahre, 6 Monate und 24 Tage alt, wie im Sterberegister der Stadtkirche sorgfältig vermerkt ist. Sein Grab hat sich auf dem Lauterbacher Friedhof erhalten, es ist in diesem Buch abgebildet.“ ↩︎
- Friedrich Schwarz datiert das Bild auf ca. 1844, also vor dem Brand. Er wird in Angersbacher Begebenheiten, Band 2, auf Seite 94 wie folgt hierzu zitiert: „Da der Lehrer Ackermann rechts die alte Ziegelei abbildet, die 1848 von Revolutionären niedergebrannt wurde, aber auch die Chaussee zeigt, die kurz vorher angelegt worden war, so können wir davon ausgehen, daß es beinahe zeitgleich mit dem Darmstädter Erinnerungsbild (Anmerkung: 1844) entstanden ist.“ ↩︎
- Siehe Fußnote 12. ↩︎
- Angersbachs Geschichte, S. 125. ↩︎

