Die Angersbacher Tracht

Schilderung von Otto Schnell:

„Bis zum ersten Weltkrieg (1914) trugen die Angersbacher Frauen und Mädchen noch ihre schmucke Tracht. Die Männer dagegen gaben sie bereits rund 100 Jahre früher auf. Sie bestand aus schwarzen Stiefeln, engen Hosen, dem Hemd aus selbstgewebtem Leinen mit einem kleinen Kragen und einem Bändchen verziert und einer handgestrickten blauen Weste. Die Hosenträger wurden ebenfalls zu Hause hergestellt, reich bestickt und mit kleinen Glasperlen geschmückt. Als Kopfbedeckung trugen unsere Männer eine schwarze Seidenmütze mit oder ohne Schild. Die Frauentracht zeichnete sich durch ihre Mannigfaltigkeit aus. Zu den verschiedenen Gelegenheiten (Konfirmation, Hochzeit und Abendmahl) gehörte ein besonderes Gewand. Die Kirmestracht war die schmuckvollste von allen.

1844 Angersbacher Trachten in Darmstadt

Als in den festlichen Augusttagen des Jahres 1844 in Darmstadt die Ludwigssäule enthüllt wurde, war neben zahlreichen anderen Trachten aus dem gesamten Großherzogtum auch die unseres Dorfes vertreten.

Ein Mann, der den Feierlichkeiten beiwohnte, bewunderte sie mit den Worten: „Vorteilhaft sah das Mädchen aus Angersbach aus, mit dem weiß- und rotgewürfelten auf ziemlicher Kammhöhe über den Kopf gebundenen Tuch, dessen breite Zipfel sich am Halse bauschten, im violetten Leibchen, über welches ein buntgewirktes Tuch vorn kreuzweise bis zur Taille geschlungen war, die weißen Hemdärmel etwas über den Ellenbogen hervorblickend, der bis übers Knie hinabreichende hellbraune Rock mit der rotgebänderten weißen Schürze geschmückt, die Strümpfe blau.“

1898 Erneut Angersbacher Trachten in Darmstadt

Im November 1898 weilte wiederum eine Angersbacher Trachtengruppe in Darmstadt. Diesmal wurde das Denkmal Ludwigs IV. geweiht, und unser Dorf war unter der Führung des damaligen Pfarrers Licht mit 30 Mädchen vertreten. Einige von ihnen leben heute noch (Anm: 1963) und erinnern sich gern daran, wie sie von der Großherzogin begrüßt und verköstigt wurden.

Auch Adelige tragen Angersbacher Tracht

Eine Baronin Riedesel Freifrau zu Eisenbach fand großen Gefallen an unserer Kirmestracht und ließ sich vor dem ersten Weltkrieg eine solche anfertigen. Sie trug sie nur zu besonderen Feiern, so beim Erntedankfest. Auf Wunsch der Großherzogin Eleonore fertigte die Handarbeitslehrerin Wasser eine Puppe in Angersbacher Tracht an, die in der Residenz volle Anerkennung fand.

1934 Pressefest in Darmstadt

Ein drittes Mal fuhr im Jahre 1934 anläßlich eines Pressefestes eine Angersbacher Trachtengruppe nach Darmstadt. Sie tanzte und sang im überfüllten Saalbau und wurde stürmisch gefeiert. Aber zu dieser Zeit war die Tracht schon längst durch modische Kleidung verdrängt worden.“1

1963 Angersbacher Trachten – in Angersbach

Soweit Otto Schnell, der das Buch ja für die 1150-Jahrfeier 1963 fertig stellen musste. Statt seiner berichtet uns Dr. Georg Michel über den Festumzug in Angersbach 1963:

„Aber an dem strahlenden Sonnentag im Juli 1963, als die Gemeinde Angersbach unter erfreulicher Teilnahme der Kreisbevölkerung ihr 1150jähriges Bestehen und ihr 200jähriges Kirchenjubiläum feierte, da bildete die alte Angersbacher Tracht wieder ein Glanzstück in dem prächtigen Festzug, der durch seine sinnvolle Zusammenstellung einen trefflichen Einblick in die geschichtliche Vergangenheit und in die noch heute spürbare dörfliche Verbundenheit dieser großen stadtnahen Gemeinde bot.“2

Die Trachten- und Volkstanzgruppe Angersbach gibt es übrigen auch heute noch. Sie tritt unter anderem regelmäßig beim Schlitzer Trachtenfest auf.

Eine ganz ausführliche Schilderung über die Entwicklung der Angersbacher Trachten mit tollen Bildern bietet ein Artikel von Gerd J. Grein und Monika Hoede in dem von Friedrich Schwarz zusammengestellten Buch „Angersbacher Begebenheiten, 2. Band“ (1988), ab Seite 80. Ein Auszug aus dem Vorwort:

Trachtenfeste in Schlitz (1977), S. 24

„Unser Wissen von und über die Angersbacher Tracht haben wir weniger von schriftlichen und bildlichen Quellen, mehr von Befragungen der letzten Trachtenträgerinnen und anderer Gewährsleute am Ort, von denen besonders Frau Inge Kahlert und Frau Lina Renker zu erwähnen sind, denen wir aufrichtigen Dank sagen möchten, daß sie ihr reiches Wissen vor uns ausgebreitet haben, wovon wir letztendlich in großem Maße partizipieren konnten. Frau Kahlert, als Gemeindeschwester über Jahrzehnte in Angersbach tätig3, verfügt über eine umfangreiche Kenntnis, Land und Leute betreffend. Die Tatsache, daß sie als Heimatvertriebene in den Ort kam, schaffte die notwendige Distanz zur Beurteilung der Angersbacher “Eigentümlichkeiten“ und Besonderheiten. Frau Renker hat als Kind selbst noch Tracht getragen und von ihrer Mutter das Trachtenschneidern erlernt. Ihre handwerklichen Fähigkeiten und ihr Können haben ihren Niederschlag in den Schnittzeichnungen und Materialbeschreibungen gefunden. Beide Frauen kümmern sich seit vielen Jahren um die Trachtenerhaltung und folkloristische Demonstration. Dieser selbstlose Einsatz erfüllt den Kenner der Materie mit Bewunderung und Anerkennung. Die zahlreichen Gesprä­che mit den Gewährsfrauen waren durchdrungen von einem Engagement, welches beinahe aus jeder Silbe sprach. Deshalb möchten wir diesen Beitrag den beiden Frauen widmen, aus Dankbarkeit für die wundervolle und fruchtbare Zusammenarbeit, die getragen war von der Liebe zur Sache und ihrer Details!“

  1. Vergangenheit und Gegenwart, S. 133 f. ↩︎
  2. Heimatbuch 2 (1964), S. 84 ↩︎
  3. Ingeborg Kahlert, geb. 1921 in Tillowitz Kreis Falkenberg, Dienstzeit vom 1.7.1964 – 31.5.1981 (Angersbachs Geschichte, S. 74). ↩︎