Vogelzucht in Angersbach1
Vogelzucht ab 1800

Otto Schnell berichtet 1963: „Funde, die bei den Ausgrabungen in der Ruine Wartenberg gemacht wurden, berechtigen uns zu der Annahme, daß bereits vor vielen hundert Jahren gefiederte Freunde in Käfigen gehalten wurden. Waren es zunächst nur einheimische Vögel, so kamen im 16. Jahrhundert die gelben Sänger von den Kanarischen Inseln zu uns nach Deutschland. Besonders mit Beginn des 18. Jahrhunderts begann eine Blütezeit für unsere Vogelzüchter. Neben den Kanarienvögeln wurden in vielen Häusern weiterhin Blutfinken gehalten.

Während die jungen Kanarienvögel in einer „Hecke“ im Haus des Züchters von den Vogelweibchen ausgebrütet und gefüttert werden, bis sie die dargereichte Nahrung selbst nehmen können, holt der Blutfinkenzüchter die Jungen kurz vor dem Flüggewerden aus ihrem Nest im Walde und zieht sie selbst mit viel Sorgfalt groß. Dazu kommt, daß der Kanarienvogel das Singen von seinesgleichen lernt, beim Dompfaff aber der Züchter den Lehrer spielen muß. Es ist eine mühsame Arbeit und erfordert große Geduld, bis das Schwarzköpfchen seine zwei Liedchen pfeifen kann.

Von 1850 bis 1900 verließen bis zu 500 angelernte Blutfinken jährlich das Dorf. Wenn man bedenkt, daß um diese Zeit bereits 30 Mark im Durchschnitt für einen guten Sänger bezahlt wurden, und weiß, daß noch einige tausend Kanarienvögel alljährlich im Herbst unser Dorf verließen, kann man ermessen, welche wirtschaftliche Bedeutung der Vogelzucht damals zukam.“

Zu den berühmtesten Käufern Angersbacher Dompfaffen gehörten die Königin von Sachsen, Prinz Heinrich von Preußen und der Großherzog von Hessen. Im Herbst 1910 traf bei dem Vogelhändler und Züchter Dietrich Möller ein Telegramm aus dem Jagdschloß Wolfsgarten bei Darmstadt ein, in dem der Zar von Rußland, der sich zu dieser Zeit dort aufhielt, vier gelehrige Sänger bestellte. Das Dankesschreiben, das dieser nach erfolgter Lieferung übersandte, ist noch vorhanden und wird von der Familie als Erinnerung an die Glanzzeit der Angersbacher Blutfinkenzucht aufbewahrt.“2

Gründung ‚Verein der Vogelfreunde‘

Im März 1923 schlossen sich neun Angersbacher Züchter zum ‚Verein der Vogelfreunde‘ zusammen. Er zählte 1963 rund 60 Mitglieder.3 Der Verein besteht nunmehr schon länger als 100 Jahre und ist auch heute noch aktiv.

‚em Großherzog sin Feel‘

Kurt Stöppler berichtet: „Manche Vögel lernten das Nachpfeifen so gut, dass man dies vom Pfeifen eines Menschen nicht unterscheiden konnte, ja es war vielleicht besser. Auch mein späterer Schwiegervater (…) betrieb dieses Hobby noch. Diese gelehrigen Sänger waren sehr begehrt, ja selbst der Großherzog von Hessen Darmstadt hat sich an diesen Tieren erfreut. So gibt es heute noch eine Anekdote die da heißt: ‚em Großherzog sin Feel.‘

Diestelfinken (Stieglitz), Grünfinken und Zeisige wurden in freier Wildbahn gefangen. Die gefangenen Vögel wurden zum Angersbacher Vogelhändler „Ammels Schniederche“ (…) in die Schulstraße gebracht. Nach seiner Begutachtung, indem er die Vögel in die Hand nahm, das Gefieder betrachtete und dann durch Freiblasen der Bauchfedern feststellte, ob es ein Männchen oder Weibchen war, kaufte er diese für ein paar Pfennige. Er brachte die Vögel überwiegend zum Versand nach Übersee“.4

Wenn Ihr noch mehr über die Blutfinkenzucht lesen möchtet:

  1. Ausführlich, auch zum Export in die USA, Schwarz, in Angersbacher Begebenheiten 2, S. 136 ff. ↩︎
  2. Vergangenheit und Gegenwart, Seite 153 f.; siehe auch: Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 63 f. und „Haubdsach“, S. 23. ↩︎
  3. Vergangenheit und Gegenwart, S. 153. ↩︎
  4. So war’s, S. 27. ↩︎