Untergegangene Siedlungen (Wüstungen) in der Angersbacher Gemarkung1
Was sind Ortswüstungen?
Wenn ehemalige landwirtschaftlich genutzte Grundstücke nicht mehr bebaut werden, nennt man sie Flurwüstungen. Ausgegangene Gruppensiedlungen oder auch Einzelhöfe bezeichnet man dagegen als Ortswüstungen. Von letzteren soll in diesem Kapitel die Rede sein.
Mindestens 10 untergegangene Orte in der Angersbacher Gemarkung
In der Angersbacher Gemarkung gibt es mehr untergegangene Orte als in irgend einer anderen unseres Kreises. Insgesamt können mindestens zehn ehemalige Siedlungen nachgewiesen werden. Warum sie wüst wurden, erfahren wir aus keiner Urkunde des Mittelalters. Der Volksmund erzählt, dass die Dörfer im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) untergegangen seien. Aber wir wissen, dass zu dieser Zeit die angeführten Orte schon längst nicht mehr bewohnt waren. Dagegen dürfen wir die Fehden besonders in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts für die Zerstörung vieler Ortschaften verantwortlich machen. Wir können sogar deutlich verfolgen, wie Sassen und Rudlos, die ebenfalls wüst geworden waren, nach dem endgültigen Verbot des Fehdewesens wieder aufgebaut wurden und bis zum heutigen Tage als Siedlungen bestehen blieben.
30 schreckliche Jahre von 1465 bis 1495
Wenn wir den Beginn der unglückseligen Streitigkeiten, die unsere Heimat in ein furchtbares Elend stürzten, mit dem Anfang der Fulder Fehde im Jahre 1465 gleichsetzen, so stellen wir überrascht fest, dass bis zum Ewigen Landfrieden, der 1495 verkündet wurde, unsere Heimat tatsächlich dreißig schreckliche Jahre durchzumachen hatte, in denen die Riedesel fast ununterbrochen mit irgend einem kirchlichen oder weltlichen Herren in Fehde lagen. Der Volksmund hätte also durchaus recht, nur gingen diese Ortschaften nicht in dem, sondern in einem dreißigjährigen Krieg zugrunde. Natürlich mögen auch andere Gründe (z. B. Bevölkerungsrückgang durch Seuchen, bessere Wohnbedingungen) dafür gesprochen haben, dass die Menschen ihre Siedlungen verließen.
Was sind Flurnamen?
Ein Flurname ist die namentliche Bezeichnung eines kleinräumigen Teils der Landschaft. Flurnamen teilen das Gelände ein und tragen zur Orientierung und Identifizierung bei.
Flurnamen kennzeichnen die kleineren und kleinsten geografischen Einheiten, wie Berge, Täler, Wälder, Weiden, Wiesen und Äcker.2
Flurnamen sind meist über Jahrhunderte überliefert, so dass man auch heute noch zB. auf frühere Siedlungen schließen kann.
Auch in Angersbach beziehen sich viele Straßennamen auf uralte Flurnamen: z.B. Borngartenweg, vor der Hahlshube (Hube ist ein Bauerngut), Volkertswiesenweg (Wiese oder Gut eines Volkers).
Einen schönen Podcast über Wüstungen und Flurnamen findet ihr hier.

Das im Dietzelsgrund gelegene Dorf befand sich vermutlich auf der kleinen Lößablagerung im oberen Drittel des anmutigen Tales. Wahrscheinlich förderte auch das Tonvorkommen dort die Gründung einer Siedlung. Daraus können wir folgern, dass in Dietzels das Töpferhandwerk betrieben wurde. Das Bächlein, das sich durch das Tal schlängelt, soll nach einem alten Schriftstück Chenetenbach geheißen haben. Heute trägt es keinen Namen mehr. Das Dorf wird urkundlich 1341 erstmals erwähnt. 1556 war das Dorf bereits nicht mehr bewohnt.
Nach alten Lehensbriefen waren die Orte Heiligenbach und Motrichs durch eine Furt verbunden, sie müssen also dicht zusammengelegen haben. Der Flurname Zum Oders wird mundartlich Medersch ausgesprochen. Dies gibt uns die Berechtigung zu der Annahme, dass das in mehreren Urkunden des Mittelalters genannte, 1341 erstmals erwähnte Dorf Motrichs in der heutigen Flur Zum Oders gestanden hat.
Ein Angersbacher Bauer stieß beim Pflügen seines Ackers im Flur Schmalenrod einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg auf eine mächtige Mauer. Da ihn die Steine störten, grub er sie aus und fuhr mehrere Wagen voll nach Hause. Diese Tatsache und die im Volksmund umgehende Sage, dass dort ein Kloster gestanden haben soll, veranlassten Hauptlehrer Eckstein, an der Stelle 1931 eine Grabung durchzuführen, die im August 1946 fortgesetzt wurde. Dabei legte man eine halbkreisförmige Grundmauer frei, die darauf hinweist, dass hier aller Wahrscheinlichkeit nach eine Kapelle iroschottischer Mönche gestanden hat. Ein Gedenkstein wurde 2000 aufgestellt.

Wann Gotteshaus und Dorf verfielen, wissen wir nicht. Jedenfalls dürfte die Helmesmühle, die im Mittelalter Heiligenbachs-, aber auch Heiligenmannsmühle genannt wurde, auf die Zeit zurückgehen, da die Siedlung noch bestand. Bereits 1586 trug sie ihren Namen schon in der heutigen Form.


In der Grenzbeschreibung aus dem Jahre 812 wird eine Siedlung Regenboldesrode genannt, die später Regilesrode hieß und verhältnismäßig früh wieder wüst geworden sein muss. Vier Kilometer nördlich von Angersbach befindet sich das Rehrod.
Dieser Walddistrikt liegt so fern von menschlichen Ansiedlungen, dass wohl ohne die Errichtung von Wohnstätten dort niemals gerodet worden wäre. Diese Überlegung und die Reihenfolge in der ersten urkundlichen Nennung lassen den Schluss zu, dass Regilesrode im heutigen Rehrod lag. Mehrere gute Quellen, die dort zutage treten, mögen für die einstige Besiedlung förderlich gewesen sein.

An die Wüstung Heines könnte der Flurname Heßwiese erinnern. Durch Grabungen wurde festgestellt, dass im heutigen Heß eine Siedlung bestanden haben muss. Die Bewohner gingen wie die Leute von Dietzels dem Töpferhandwerk nach, was man aus gefundenen Scherben schließen kann. Da der wenig fruchtbare Buntsandstein dem Bauern keine ausreichende Lebensgrundlage bot, betrieb er wohl diesen handwerklichen Beruf als Nebenerwerb. Im November 1946 wurde eine eintägige Notgrabung bei einem mittelalterlichen Töpferofen im Heß zwischen Angersbach und Rudlos vorgenommen.3
Funde weisen darauf hin, dass schon in der Bronzezeit der Ost- und Südosthang des Hainigs besiedelt waren. Im Hochmittelalter folgte hier eine Ortsgründung. In der Struth erkennen wir zwei lange, flache Terrassen, von denen man früher annahm, es handele sich um Ackerterrassen. Beim Ausheben eines Entwässerungsgrabens im Jahre 1928 wurden sie angeschnitten. Dabei fand man viele Tongeschirrscherben, Holzkohlenreste und Hüttenlehm. Dort lag das in einigen Urkunden des Mittelalters genannte Dorf Struth. Wie andere Wüstungen in unserer Gemarkung wird es 1341 urkundlich erstmals erwähnt. Auch von Struth wissen wir nicht, wann es untergegangen ist. Die Tonscherben schließen jedoch darauf, dass es bei einem Überfall zerstört wurde.

In der Nähe des Pflanzgartens im Huhnlos (mundartlich Hunels, Hunlos) fallen in der leicht geneigten Wiese zwei Podeste auf. Da sie Hüttenlehm enthalten, der Flurname Huhnlos sich zweifellos aus Hunoldes entwickelt hat, zum anderen aber die Sage von einem dort untergegangenen Dorf lebendig ist, können wir annehmen, dass an diesen Stellen Häuser der wüst gewordenen Siedlung Hunoldes standen, die ebenfalls erstmals 1341 erwähnt wird. Andere Teile des Dorfes sind dem Wald wieder anheimgefallen.

Wie Dietzels, Heines, Hermans und Struth besaßen die Riedesel im 15. Jahrhundert auch Hunoldes als Lehen. Der vom Heimat- und Verkehrsverein gepflegte Zeitpfad führt zum Hunlos.

Wir dürfen annehmen, dass die Siedlung Hermans auf der jetzigen Wiese im Hermes oben an der Quelle lag. Die Hermestrischer sind die unterhalb liegenden, noch heute genutzten Äcker. Aus dem Namen Hermans ist Hermes geworden, wie ja auch aus Heiligenmannsmühle Helmesmühle wurde. Urkundlich 1341 erstmals erwähnt, hatten die Riedesel im 15. Jahrhundert das Dorf vom Grafen zu Ziegenhain und dessen Nachfolger, dem Landgrafen zu Hessen, als Lehen. Aus Aufzeichnungen des 16. Jahrhunderts können wir entnehmen, dass der Ort bereits wüst war.
Dagegen lesen wir in einem Protokollbuch aus den Jahren 1633 bis 1637, dass ein David Müller für sich und seine Miterben mit einem Hof zu Hermans von den Riedeseln belehnt war und dass zuvor zwei Höfe dort bestanden hatten, die Heinz Krummelbein inne gehabt hatte. Sollte die Wüstung wie Sassen und Rudlos erneut besiedelt worden sein, um dann im Gegensatz zu diesen wiederum verlassen zu werden?


Wo lag Ungefures – „Armes“ oder Wartenbachhügel?
Die Grenzbeschreibung von 812, in der auch unser Dorf erstmals erwähnt wird, nennt eine Siedlung Ungefures (ungefuor = unbequem, nachteilig), die östlich oder südöstlich von Angersbach gelegen haben muss. Sie wird in späteren Urkunden nicht mehr aufgeführt. Hauptlehrer Eckstein vermutete das Dorf nach der Reihenfolge der Aufzählung und anderen Hinweisen in dem alten Schriftstück in der heutigen Flur Armes. Tatsächlich hat man nach seiner Zusammenstellung der Angersbacher Flurnamen dort bei Feldbereinigungsarbeiten im Jahre 1936 eine Mauerecke mit Feuerstelle, Holzkohlenresten und Nägeln aufgedeckt, die allem Anschein nach auf eine frühmittelalterliche Hofstätte hinweist. Im Armes hat also auf jeden Fall eine Siedlung bestanden.4 Studienrat i. R. Maurer vertrat allerdings die Meinung, dass Ungefures auf dem Wartenbachhügel gelegen haben könnte. Wir lesen Näheres darüber in dem Kapitel „Drei Siedlungsschichten auf der Wartenbach“.

Nach dem Volksmund soll auf dem Sonnberg eine Burg gestanden haben. Wir können annehmen, dass die Herren von Angersbach und ihre Nachfolger von Wartenberg zumindest einen befestigten Wohnsitz dort hatten. Auch die Formulierung in den Lehensbriefen des 15. Jahrhunderts lässt diesen Schluss zu. Nach Hauptlehrer Eckstein wurden auf dem Sonnberg vor dem ersten Weltkrieg alte Schwerter ausgegraben. Von Mauern aus Sandsteinquadern erzählt man sich noch heute. Bewohner von Angersbach fuhren sie zum Hausbau ins Dorf. Eine genauere Nachforschung auf dem Sonnberg dürfte sich wohl lohnen. Weitere Infos, ob es die Burg und die Herren von Sonnberg wirklich gab gibt es hier.
In der Zeitschrift für hessische Geschichte und Landeskunde erschien 1840 der nebenstehende Beitrag von Georg Landau (Auszug). Grundlage ist eine Aufzeichnung, die ursprünglich wohl aus dem Jahr 1341 stammt (MCCCXXXXI). Als Weistum oder auch „Weisthum“ wird eine historische Rechtsquelle bezeichnet, die in der Regel mündlich überliefert oder nach Verhandlungen protokolliert wurde.
Genannt sind Dizelins (Dietzels), Haylgenbach, Sassen, Strut, Hermans und Hunoldes (im zweiten Bild gelb markiert).



Weitere Informationen können auch der Website des Hessischen Instituts für Landesgeschichte LAGIS Hessen entnommen werden.

In den historischen Texten (siehe oben) werden öfter die Orte „Sterrenrot“ oder „Sterrenrode“ (später Sternrode) und „Liebolfes“ genannt. Diese Wüstungen befinden sich zwischen Rudlos und Rixfeld bzw. Schadges. Siehe LAGIS Hessen.
- Dieser Abschnitt wurde der von Otto Schnell bearbeiten Festschrift „Vergangenheit und Gegenwart“, S. 60 ff. entnommen, leicht gekürzt und nur um einige wenige Erläuterungen ergänzt, die dem besseren Verständnis dienen; weitere Informationen zu Wüstungen in Angersbach und Landenhausen: Hilbrig, aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 101; Hilbrig, Landenhausen in 12 Jahrhunderten, S. 29 ff.; Hilbrig, Streifzug, S. 14 ff.; Mackenthun, Wüstungen im Kreis Lauterbach, S. 42 ff. ↩︎
- Wikipedia. ↩︎
- Maurer … und blieb 50 Jahre, S. 121 ↩︎
- Explizit zu „Armes“: Angersbachs Geschichte, S. 121; Landenhausen in zwölf Jahrhunderten, S. 35,37; Vergangenheit und Gegenwart, S. 66. ↩︎
