Das Schulwesen in Angersbach
„Die Männer konnten nur mittelmäßig beten und antworten; die Weiber, Söhne und Töchter aber konnten weder den Katechismus beten noch eine schickliche Antwort geben. Nur die Fremden, welche dorthin geheiratet haben oder daselbst dienen, gaben ihnen Ehre …“
Auszug aus einer Schulvisitation in Angersbach von 1745.1
Arbeiten statt lernen
Das obige Zitat schildert uns die „Zustände“ in den Dorfschulen der damaligen Zeit, hier: in Angersbach. Damals ging es bei uns noch „ums Überleben“. Ackerbau, Viehzucht und Handwerk waren damals wichtiger als Lesen, Schreiben und Rechnen. Auch die Kinder mussten daheim mithelfen, z.B. beim Hüten der Tiere.2 Zum Lernen war da nicht viel Zeit. Auf der anderen Seite taten die Gemeinden auch nicht viel für das Schulwesen, weil dieses viel Geld kostete.3
Nur eine Lehrerstelle bis zum Jahr 1836
So gab es bis zum Jahr 1836 nur eine einzige Lehrerstelle in Angersbach, der Lehrer hatte bis zu 200 Schüler zu betreuen.4 Erst im Jahr 1834 wurde die zweite Schule in Angersbach eingerichtet. Der damalige Schullehrer Johannes Suppes bekam zunächst einen Gehilfen, Johann Georg Beez, mit dem dann die zweite Schule begonnen wurde.5
Ursprünge der Angersbacher Schule – ca. 1600
Otto Schnell berichtet in „Vergangenheit und Gegenwart“ ab Seite 126:

„Über die Errichtung einer Schule in unserem Dorfe und ihre ersten Lehrer ist nichts zu ermitteln. Wohl aber hören wir bereits 1588 von einem Schüler Heinrich Kneißel zu Angersbach, der mit zwei Söhnen von Volprecht Riedesel die Universität Marburg bezog. Vielleicht ist jener mit dem späteren riedeselschen Schultheißen Heinrich Wahl genannt Kneußel personengleich. Wie sehr die Riedesel als Landesherren sich der Bildungsstätten für ihre Untertanen annahmen, ersehen wir aus der Tatsache, daß selbst im Dreißigjährigen Kriege (1618-1648) der Unterricht aufrecht erhalten wurde. Von dieser Zeit an besitzen wir lückenlos die Namen aller Lehrer und Schulleiter unserer Volksschule.“ Die Lehrer sind im Abschnitt „Angersbacher Lehrer“ aufgelistet.
Die Lehrerbesoldung 6
Einer der ersten uns bekannten Angersbacher Lehrer, Wilhelm Balthasar Völler, schrieb 1683 seinen Verdienst nieder:
1. Von einem Schulkind den Winter über 10 Albus7 (alb) Schullohn, deren 76 an der Zahl sind, worunter etliche, welche nach dem Christtag allererst geschult worden und welche nur halben Lohn als 5 Albus geben.
2. 13 Albus 4 Pf von Heinrich Döring Geschanck von Sassen, ferner 6 Albus jährlich von der Uhr zu stellen, aus dem Kirchenbau.
3. Ein halb Geschock Korn und 1/2 Geschock Hafer von den Hof- und Pferdegütern, item (ferner, ebenso) ein halb Meste Korn und 1/2 Meste Hafer Dreickfrücht von Konrad Fausten und Heinrich Rodemer jährlich.
4. Von jeglichem Haus jährlich 3 Festlaibe Brod.
5. Ein Fuhr Heu und Fuhr Grummet auf den Kalkwiesen, welche ich gar schlecht und sauer Futter halte, item auf der Hofwiese 2 Hufen Heu, welches besser, aber gar wenig, wird meistenteils ausgefüttert. Anmerkung: es ist nicht ein einzig Gartenbeth bey der Schul, daß man Rüben und Kraut ziehen könnte, habe derowegen angedachten Kalkwiesen etliche Stümpfe machen und umreißen lassen, daß man ein wenig Kraut darauf setzen kann.
6. Vom Begräbnis eines alten 5 alb und 3 Laibe Brod, eines jungen Menschen aber 5 alb und 2 Laibe Brod.
7. Zum Rudloß alle Festtag als Christfest, Ostern und Pfingsten, jedes Fest 2 Maß Wein, was der Wein diesselbige Zeit zu Eisenbach kostet, vor Festlaib.
8. 2 1/2 Mesten Korn, von den Vitzenrödern Wiesen, muß solches 2 Köpfergen und 1/2 Köpfergen aufgehoben werden, weilen solche Wiesen in kleine Stücke geteilt worden sind, müssen etliche Landenhäuser, welche die Wiesen innehaben, entrichten.
Die Alte Schule im Gemeindehaus

Die erste schriftlich belegte Schule befand sich im heutigen Gemeindehaus, neben der Kirche. Wir wissen allerdings nicht, ob dort auch schon um 1600 die erste Schule stand. Das Haus links davon bewohnte der Lehrer (siehe Bild rechts).
Die Verhältnisse bessern sich – 1834 kommt ein zweiter Lehrer
Aufgrund der schlechten schulischen Verhältnisse regte das Großherzoglich Hessische Freiherrlich Riedeselische Konsistorium im Jahr 1834 an, die Schule zweiklassig zu machen. Man teilte dem damals 59-jährigen Lehrer Suppes einen Gehilfen zu. Es war der Schulvikar Johann Georg Beez, der nach dem Tod Suppes 1. Lehrer wurde. Beez bekam dann auch einen Gehilfen, August Rausch aus Lauterbach.8
Die Schülerzahlen steigen – 1886 kommt ein dritter Lehrer
Da die Schülerzahl bis zum Jahre 1882 auf über 230 angestiegen war, regte das Kreisamt Lauterbach die Schaffung einer dritten Lehrerstelle an. Die Gemeinde reagierte zunächst negativ, hatte mancherlei Ausflüchte und bat um Verschiebung, weil kein Geld für die Errichtung eines neuen Saales und einer zusätzlichen Lehrerwohnung, erst recht nicht für die Besoldung eines dritten Lehrers vorhanden sei.9 Unter drei Möglichkeiten entschied sich die Gemeinde schließlich für die Errichtung eines dritten Schulsaales im oberen Teil der Scheune und über dem Stall des ersten Lehrers gegenüber dem schon existierenden oberen Klassenzimmer. Im Jahre 1886 waren bereits drei Lehrer an unserer Schule tätig, nämlich Karl Kaspar Lanz, Heinrich Schneider und Kalbfleisch.10
Die neue „Backsteinschule“ – 1904, ein vierter Lehrer kommt
1903 entschloss man sich zum Bau einer neuen Schule in der „Leimekut“ (Lehmkaute), heutige Schulstraße. Sie umfasste zwei Klassenräume und zwei Lehrerwohnungen und konnte zu Beginn des Schuljahres 1904 feierlich eingeweiht werden. Als vierter Lehrer kam Schulverwalter Mayer nach Angersbach.11
Aufstockung der Backsteinschule 1925/26
1925/26 wurde das neue Schulgebäude aufgestockt, um zwei weitere Lehrerwohnungen zu schaffen. Mit 181 Schülern war unsere Schule 1938 dann wieder dreiklassig.12
Nach Kriegsende – 1945

Nach Kriegsende übernahm Lehrer Heinrich Füllenbach 1945 die Leitung der Schule. Er kam im Februar 1944 mit einer evakuierten Schulklasse aus Frankfurt. Ihm stand zunächst nur die Schulhelferin Agnes Weber zur Seite. Beide hatten zusammen rund 200 Schüler zu betreuen. Die Lehrmittelsammlung, die Schülerbücherei und Teile des Mobiliars waren geplündert. Es gab weder Schulbücher noch Hefte, erst recht keine Kreide. Die Not wuchs mit dem Zuzug der Heimatvertriebenen und Flüchtlinge. In Ermangelung von Schuhen kamen viele Kinder im Sommerhalbjahr barfuß zur Schule, im Winter trugen sie Holzschuhe. Die Säle konnten nicht ausreichend geheizt werden. Nur wenige Kinder brachten ein Frühstück mit. Im Jahr 1950 wurden 360 Schüler von 7 Lehrern unterrichtet.13
Erklärung Flur- /Straßennamen und Hausnummern am Beispiel Backsteinschule
Um 1900 war Angersbach noch so klein, dass Straßennamen zur genauen Bestimmung eines Hauses gar nicht erforderlich waren. Man nummerierte die Häuser einfach von 1 bis xxx durch:

Zur ungefähren Ortsbestimmung dienten die uralten Flurnamen, wie am Beispiel der Backsteinschule die „Leimekut“ (Lehmkaute), heutiger Straßenname „Schulstraße“.
Eine Dorfschule um 1900
Wie eine kleine Dorfschule um 1900 ausgestattet war, kann man im Hohhaus-Museum bei einem virtuellen Rundgang, aber natürlich auch „live“ besichtigen.
Eine Mädchenschule in Angersbach
Von 1747 bis 1760 scheint es in Angersbach eine reine Mädchenschule gegeben zu haben. Denn 1748 wird anläßlich des Begräbnisses seines Söhnchens ein Mädchenschulmeister Johann Nikolaus Ussner erwähnt, der dann selbst am 4. April 1760 starb.14

Bau der Mittelpunktschule Angersbach (MPS Angersbach) – 1971
1971 wurde nach langer Planung die Mittelpunktschule Angersbach eingeweiht. Zu diesem Zeitpunkt ist die Schule dreizehnklassig und 18 Lehrkräfte sind an ihr tätig.15 Vorangegangen war 1963 die Gründung des Schulverbands Angersbach, dem die Gemeinden Angersbach, Landenhausen, Schadges und Stockhausen angehörten mit dem Ziel, in Angersbach eine Mittelpunktschule zu errichten.16
2020/21: Aus der MPS Angersbach wird „Grundschule Wartenberg17
Nach der hessenweiten Einführung der achtjährigen Gymnasialzeit (G8), der Umstellung des einzigen in unserem Einzugsbereich befindlichen Gymnasiums (AvH Lauterbach) sowie der damit einhergehenden strukturellen Veränderungen (u.a. Einführung der 2. Fremdsprache) war ein
reibungsloser Übergang nach der 6. Klasse von unserer Schule auf das Gymnasium nicht mehr gewährleistet. Die Kinder mussten, wenn sie nicht ein Jahr auf dem Gymnasium wiederholen wollten, bereits nach der 4. Klasse auf das Gymnasium wechseln.
Im Verlauf der letzten Jahre sanken die Schülerzahlen in den Klassen unserer Förderstufe daraufhin weiter, sodass im Schuljahr 2017/18 keine 5. Klasse mehr gebildet werden konnte und im Schuljahr 2018/19 die Förderstufe abgeschafft wurde. Seit dem Schuljahr 2019/20 handelt es sich nun um eine reine Grundschule und heißt seit dem Schuljahr 2020/21 „Grundschule Wartenberg“.
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 48. ↩︎
- Mein Urgroßvater, Jahrgang 1876, berichtet über seine Kindheit in Pommern: „Als ich 7 3/4 Jahre alt war wurde ich Hütejunge bei dem Bauern Joachim Voß in Mützenow. Das Dienstverhältnis begann am 1.April 1884 und sollte bis Ende Oktober dauern. Am Ende der Dienstzeit sollte ich ein Paar Stiefel, die 2 Taler kosteten, 2 Leinenhemden, 1 Paar wollene Strümpfe sowie 1 Brot erhalten. Da im April die Weiden noch nicht genügend Gras aufwiesen, verzögerte sich der Austrieb der Kühe und Schafe um einige Wochen und ich mußte in einem halbdunklen Stallraum die für die Aussaat erforderlichen Kartoffeln von ihren langen Keimen befreien. Zu einer bloßen Hütetätigkeit kam es auch nach dem Austrieb keineswegs ständig. Man mußte nebenbei Steine von den Äckern auflesen, frischgemähte Heuschwaden zerstreuen, das Heu wieder zusammenrechen und – wenn es trocken war – zu Haufen bringen. Weiter waren bei der Getreideernte die Garben zu Hocken zusammenzusetzen (20 Garben je Hocke) und nebenbei auf das Vieh zu achten, daß es sich nicht über das Getreide hermachte. Aber die Ernährung war weit besser als im Elternhause, auch hatte ich ein – zwar recht primitives – Bett für mich allein. Mein Bett stand unter dem unterem Teil der zum Hausboden führenden Treppe, die an der einen Seite an eine Wand stieß, während an der offenen Seite ein paar Bretter verhinderten, daß das Stroh, auf dem ich schlief, und evtl. auch ich herausfallen konnten.“ ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 49. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 126. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 49. ↩︎
- Aus Angersbachs Geschichte erzählt, S. 50 ↩︎
- Eine Übersicht über die damaligen Währungen gibt es u.a. hier. Dass die Bezahlung in Albus nicht sehr üppig war, ergibt sich schon daraus, dass Lehrer Völler auf die Bezahlung mit Naturalien angewiesen war. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 127. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 128. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 129. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 129. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 129. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 130. ↩︎
- Vergangenheit und Gegenwart, S. 126. ↩︎
- MPS Angersbach, S. 21. ↩︎
- MPS Angersbach, S. 21. ↩︎
- Schulprogramm der Grundschule Wartenberg, S. 4 (abgerufen 09/2025). ↩︎
